Kostenexplosion bei Tribünenbau: Eutin steht vor der 3-Millionen-Euro-Frage

Der Tribünen-Neubau für die Eutiner Festspiele könnte zum Albtraum für die Stadt Eutin werden. Im Grunde steht sie schon jetzt vor einem Scherbenhaufen. Nachdem es bei der ersten Ausschreibung für den erweiterten Rohbau der neuen Tribüne im Oktober kein einziges Angebot gab, trudelte jetzt nach Fristverlängerung bis zum 30. November gerade mal ein Angebot ein. Und das liegt nach Wochenspiegel-Informationen rund drei Millionen Euro über den ursprünglich geplanten Kosten. Weil die alte Tribüne – trotz der eindringlichen Warnung von Festspiel-Geschäftsführer Falk Herzog – bereits abgerissen wurde, bleiben für die Kommunalpolitiker nun kaum noch Handlungsoptionen. Die Stadtvertreter müssen sich unter Zeitdruck zwischen Pest und Cholera entscheiden.

Teure Kröte schlucken oder auf Risiko spielen?

Entweder schlucken sie die drei Millionen Euro teure Kröte oder sie gehen das Risiko ein, das aktuelle Projekt infrage zu stellen und damit die Zukunft der Eutiner Festspiele und ihrer Mitarbeiter aufs Spiel zu setzen. Falk Herzog hatte schon häufiger erklärt, dass die Sommeroper eine ausgefallene Saison verkraften könne, der Ausfall von zwei Spielzeiten aber das „Aus“ für das Festival bedeuten könnte. Angesichts dieser immer klar kommunizierten Situation war es ein Kardinalfehler der Stadt, die bisherigen Zuschauerränge abreißen zu lassen, ohne das Ergebnis der Ausschreibung zu kennen. Jetzt bleiben den Entscheidungsträgern nur noch Notfall-Optionen.

Sondersitzung des Bauausschusses

Das jetzt eingegangene Angebot eines Bauunternehmens hat die Stadtvertreter offenbar sprach- und ratlos gemacht. In den Fraktionen besteht nun akuter Beratungsbedarf. Eine Entscheidung, wie es weitergeht, soll auf einer Sondersitzung des Bauausschusses fallen, die für den 9. Dezember anberaumt ist. Dann sollen die verbliebenen – wenigen – Optionen erörtert werden.

Der Wurm war von Anfang an drin

Im Grunde war bei diesem Projekt von Anfang an der Wurm drin. Eigentlich war für die Planer, die 2020 an dem Realisierungswettbewerb teilgenommen haben, von vornherein klar, dass eine neue Tribüne innerhalb der Spielpause der Eutiner Festspiele, also zwischen zwei Spielzeiten, hätte errichtet werden sollen. Für das Hamburger Büro „Prof. Moths Architekten“ war das aber offenbar Nebensache, denn ihr Gewinner-Entwurf lässt sich nicht in neun Monaten realisieren. Für die Umsetzung ihres geschwungenen Beton-Hörnchens mit Sitzplätzen für 2000 Zuschauer wurde dem Architekturbüro dann von der Kommunalpolitik mehr als doppelt so viel Zeit zugestanden. Und die Festspiele erklärten sich bereit, in der Saison 2023 auf eine Interimsbühne auszuweichen. Für diese konnte allerdings kein Standort gefunden werden, sodass zuletzt Opern- und Musical-Inszenierungen abgesagt wurden und nur ein Konzertsommer mit einer Bühne auf dem Schloss-Parkplatz ins Auge gefasst wurde.

Schon das Projekt „Reithalle“ lief völlig aus dem Ruder

Diese Situation hätte vielleicht vermieden werden können, wenn Eutin auf die Vorgaben des Realisierungswettbewerbes bestanden und zur Not einen anderen Planer ins Boot geholt hätte. Schon bei den Planungen für die Schlossterrassen muss Fachleuten von Beginn an klar gewesen sein, dass das vorgegebene Budget für Sanierung und den neuen Anbau kaum ausreichen würde. Statt weniger als fünf Millionen Euro standen zuletzt zwölf Millionen Euro im Raum. Das damals noch großspurig „Reithalle“ titulierte Projekt lief derart aus dem Ruder, dass man heute nach verschwendeten Jahren der Planung wieder bei null steht. Jahren, in denen die Schlossterrassen als dringend benötigter großer Veranstaltungssaal der Kulturstadt Eutin schmerzlich fehlten. Und es wird noch jahrelang so bleiben.

Bis heute liegt keine Baugenehmigung vor

Nun also steht die Existenz der Eutiner Festspiele auf dem Spiel, und niemand in Verwaltung und Politik kann so tun, als ob diese Konsequenz überraschend käme. Falk Herzog hat oft genug vor den Folgen des Handelns gewarnt. Man kann nur hoffen, dass sich die Verantwortlichen im Klaren über die Bedeutung der Festspiele für Kultur und Wirtschaft der Kreisstadt sind und Entscheidungen nicht zum Wohle von Architekten, sondern Eutin und seiner Institution treffen. Die Tatsache allerdings, dass bis heute keine Baugenehmigung für die Freilichtbühne vorliegt, lässt nicht darauf schließen, dass städtische Versäumnisse schnell abzustellen sind.

Bei der Fasaneninsel droht das nächste Fiasko

Das nächste Fiasko droht der Stadt im Rechtsstreit um die Fasaneninsel. Sie wollte ihr Vorkaufsrecht einklagen. Die Stiftung Naturschutz als Eigentümerin will die Insel an eine Hamburger Familie veräußern – Kaufpreis: 610.000 Euro. Die Stadt will ihr Vorkaufsrecht ausüben, aber nur 365.000 Euro bezahlen. In erster Instanz hat die Stadt Eutin den Prozess verloren, jedoch Berufung eingelegt. In Kürze wird mit einem Urteil des Oberlandesgerichts in Schleswig gerechnet.

700.000 in den Maßnahmenplan gestellt

Offenbar rechnet die Stadt – die zum laufenden Verfahren und den bisher aufgelaufenen Gerichtskosten keine Auskunft geben will – mit einer erneuten Schlappe. Denn im Maßnahmenplan für das Sanierungsgebiet „Historischer Stadtkern“ ist die Summe für den „Grunderwerb Fasaneninsel“ über Nacht von 365.000 Euro auf 700.000 Euro heraufgesetzt worden. Ob die bisherigen Unterstützer des Vorhaben in der Kommunalpolitik sich auf diesen fast verdoppelten Kaufpreis einlassen, dürfte angesichts der städtischen Finanzlage mehr als zweifelhaft sein. Bauamtsleiter Oliver Bauch begründete die neue Zahl im Maßnahmenplan am Donnerstag im Stadtentwicklungsausschuss so: „Theoretisch könnte es sein, dass wir in den bestehenden Kaufvertrag einsteigen.“

Stiftung würde wohl nicht unter Wert verkaufen

Dann aber wäre die Stadt nicht nur krachend mit ihrem Vorhaben, den Kaufpreis zu drücken, gescheitert, sie hätte auch noch hohe Gerichtskosten zu schultern. Einmal ganz davon abgesehen, dass die Stiftung Naturschutz bei einer Gerichtsentscheidung zugunsten der Stadt vermutlich ganz auf den Verkauf der Fasaneninsel verzichten würde. Denn wenn nicht einmal die Summe erzielt werden würde, für die die Insel einst in den Besitz der Stiftung (495.000 Euro) gekommen ist, könnte man der Stiftung vorwerfen, Vermögenswerte herzuschenken. So oder so: Der Prozess könnte also von vornherein für die Stadt Eutin sinnlos gewesen sein.

Volker Graap

Im Oktober wurde die alte Festspiel-Tribüne abgerissen, ohne dass konkret feststand, welches Unternehmen die neuen Zuschauerränge baut. (Foto: Graap)

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