„Synodaler Weg“: Skandalgeschüttelte Katholiken sind auf Reformkurs

Zahlreiche Missbrauchsskandale und deren Vertuschung haben die römisch-katholische Kirche in Deutschland in den vergangenen Jahren erschüttert. Einer Studie zufolge begünstigt das hierarchisch-autoritäre System der Kirche den Machtmissbrauch, in dessen Kontext die sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen steht. Hat die katholische Kirche die Kraft zur Erneuerung? Der innerkirchliche Dialogprozess „Synodaler Weg“ will grundlegende Reformen anstoßen. Und ein Mitglied der Pfarrei St. Vicelin Eutin ist unmittelbar dabei.

Hubertus Lürbke ist beim Dialogprozess hautnah dabei

Gemeindereferent Hubertus Lürbke ist eines der 230 Mitglieder dieses Gremiums, das die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken eingesetzt hat. Er ist Co-Vorsitzender im „GemeindereferentInnen Bundesverband“ und kann die Gläubigen in Ostholstein und im gesamten Erzbistum Hamburg aus erster Hand über den 2020 begonnenen Prozess informieren. Die bisherigen Diskussionen und erste Abstimmungsergebnisse geben Lürbke Hoffnung, dass sich tatsächlich etwas zum Besseren wenden kann.

Es geht auch ohne Änderung des Kirchenrechts

„Manche Entscheidungen können auch ohne Änderung des Kirchenrechts erfolgen und über die Bischöfe und Diözesen zügig umgesetzt werden. Zum Beispiel wenn es darum geht, Frauen in Leitungspositionen zu berufen – die müssen nicht durch Priester besetzt werden“, sagt Lürbke. Außerdem habe er den Eindruck, dass es eine große Bereitschaft gebe, vermehrt Laien im Gottesdienst predigen zu lassen. „Das würde gerade der weiblichen Stimme mehr Gehör verschaffen. In unseren Gemeinden gibt es bereits monatliche Wortgottesdienste, die auch Frauen übernehmen. Die allermeisten Besucher empfinden das als eine Bereicherung“, weiß Lürbke.

Persönliche Lebensform soll nicht diskriminiert werden

Einen starken Willen gebe es außerdem, die Grundordnung für kirchliche Mitarbeiter zu ändern. Bisher drohe homosexuellen oder geschiedenen Beschäftigten die Entlassung. „Beim ,Synodalen Weg’ sind mehr als zwei Drittel der Mitglieder – auch der Bischöfe – dafür, dass die persönliche Lebensform und die sexuelle Orientierung keinen Einfluss mehr auf das Einstellungsverhältnis haben darf. Gut die Hälfte der Bistümer wendet die Grundordnung hier schon nicht mehr an“, berichtet Lürbke. Alle Dokumente benötigen eine Zweidrittelmehrheit, um angenommen zu werden. Diese Mehrheit wurde hier deutlich erreicht. Lürbke betont, dass es nicht darum gehe, sich dem Zeitgeist zu beugen, sondern alle Forderungen fundiert theologisch begründet seien. „Hätte sich die Kirche nicht auch immer neuesten Erkenntnissen geöffnet, wäre die Erde für sie heute immer noch eine Scheibe.“

Manches kann nur die Weltkirche in Rom verändern

Keine schnellen Veränderungen erwartet Lürbke bei der Abschaffung des Zölibats (keine Ehe, keine Kinder, kein Sex) und der Öffnung des Priesteramtes für Frauen. Dafür gebe es beim „Synodalen Weg“ zwar eine Mehrheit, eine Änderung könne aber nur die Weltkirche in Rom beschließen. „Ich möchte aber nicht ausschließen, dass wir das noch erleben“, sagt der Gemeindereferent. Immerhin steht die katholische Kirche weltweit im Fokus der Kritik. Die Skandale sind systemimmanent, der Papst wird in irgendeiner Form handeln müssen.

In Eutin gibt es eine Mehrheit für den Fortschritt

In der Eutiner Pfarrei, sagt Lürbke, gebe es eine breite, deutliche Mehrheit für Fortschritt. Nur wenige Gemeindeglieder meinen, dass alles so bleiben müsse wie bisher. Der Gemeindereferent kündigt an, dass nach der nächsten Versammlung des „Synodalen Weges“ im September vor Ort in Infoveranstaltungen über  den Prozess berichtet wird. Online www.pfarrei-st-vicelin.de und www.gemeindereferentinnen.de wird ebenfalls über den aktuellen Stand der Beratungen informiert.

Volker Graap

Gemeindereferent Hubertus Lürbke ist nahe dran an den Veränderungsprozessen in der katholischen Kirche. (Foto: Graap)

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