Eutin: Neuer Bürgermeister soll Geld veruntreut haben – Strafantrag

Bürgermeister Gehl Eutin

Dieser Schock sitzt tief: Der SPD-Kreisverband Ostholstein erhebt schwere Anschuldigungen gegen seinen bisherigen Kreisschatzmeister Christoph Gehl. Dem künftigen Eutiner Bürgermeister dürfte das Lachen vergangenen sein. Er soll seit dem Jahr 2020 insgesamt 43.911,20 Euro aus der Parteikasse privat verwendet haben. Gehl habe die Vorwürfe eingeräumt, fast das gesamte Geld innerhalb von zwei Tagen zurückgezahlt und an der Aufklärung des Sachverhaltes mitgewirkt, so der SPD-Kreisvorsitzende Niclas Dürbrook und seine Stellvertreterin Gabriele Freitag-Ehler. Beide fordern Gehl jetzt auf, auf den Amtsantritt als Bürgermeister zu verzichten.

Fehlbetrag innerhalb von zwei Tagen zurückgezahlt

Am späten Mittwochnachmittag setzte Dürbrook die Presse über die Geschehnisse im SPD-Kreisverband in Kenntnis. „Am vergangenen Sonnabend, 9. April, sind meiner Stellvertreterin und mir bei der Durchsicht von Kontoauszügen Hinweise auf Unregelmäßigkeiten aufgefallen“, berichtet der Chef der Kreis-SPD. Mit dem Sachverhalt konfrontiert, habe Schatzmeister Gehl am Sonntag eingeräumt, rund 42.000 Euro vom SPD-Konto abgehoben und privat verwendet zu haben. „Christoph Gehl stellte in Aussicht, die volle Summe schnellstmöglich zurückzuerstatten“, berichtet Dürbrook. Und tatsächlich überwies Gehl dann bereits am Montag auf einen Schlag 42.678,99 Euro.

SPD stellt Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft Lübeck

Am Mittwochvormittag waren nun Revisoren vom SPD-Parteivorstand aus Berlin ins Kreisbüro nach Eutin gekommen, um die Kassenbücher genauestens zu prüfen. Dabei wurde eine Summe von 43.911,20 Euro festgestellt, die im fraglichen Zeitraum fehlte. „Die Bundestagsverwaltung hatten wir bereits am Dienstag informiert, weil davon auszugehen ist, dass für das Jahr 2020 ein fehlerhafter Rechenschaftsbericht abgegeben wurde“, erläutert Dürbrook. Die außerordentliche Revision ergab, dass 2020 genau 19.403,95 Euro entwendet wurden. 2021 waren es 14.726,60 Euro und 2022 noch einmal 9.700 Euro. Obwohl Gehl den finanziellen Schaden ausgeglichen hat, sich voll geständig und voll kooperativ zeigte, hat der SPD-Kreisverband nun Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft Lübeck gestellt. Dürbrook: „Diese Entscheidung haben wir uns menschlich nicht leicht gemacht. Sie ist aber mit Blick auf den Umfang, über den wir sprechen, alternativlos.“

Corona-bedingt Rechenschaftsbericht nicht geprüft

Warum ist der Vorgang dem Kreisvorstand nicht früher aufgefallen? Christoph Gehl wurde im August 2019 zum neuen – ehrenamtlichen – Schatzmeister gewählt. „Als Schatzmeister ist er alleinverfügungsberechtigt für die beiden Konten des Kreisverbandes. Anders als in anderen Parteien ist der hauptamtliche Mitarbeiter bei uns in Ostholstein nicht mit Kontoangelegenheiten betraut. Normalerweise erfolgt mit dem jährlichen Rechenschaftsbericht eine gründliche Überprüfung der Kassenführung durch die Revisoren. Der erste Rechenschaftsbericht in seiner Verantwortung für 2019 ist ohne jede Beanstandung gewesen. Das hat bei uns das in ihn gesetzte Vertrauen gestärkt. Der Rechenschaftsbericht 2020 konnte Corona-bedingt von den Revisoren nicht geprüft werden. Das ist aus heutiger Sicht eine Schwachstelle, entsprach aber den damaligen Regelungen, die nicht nur für uns galten. Der Rechenschaftsbericht 2021 wurde noch nicht abgegeben“, erklärt Dürbrook.

Vorgang wäre vermutlich in Kürze ohnehin aufgeflogen

„Durch die Pandemie konnten Kontrollregeln unterlaufen werden, die sonst gegriffen hätten“, sagt Dürbrook. In den vergangenen Tagen hat die SPD alle Zugänge zu Konten umgestellt. „Künftig gibt es Onlinebanking mit mehreren Verantwortlichen, die direkten Einblick in die Konten haben.“ Der SPD-Chef ist überzeugt, dass Gehl in den nächsten zwei bis drei Wochen ohnehin aufgeflogen wäre, wenn jetzt der letzte Rechenschaftsbericht hätte vorgelegt werden müssen.

Mit dieser Vorgeschichte könne man nicht Bürgermeister werden

Als Schatzmeister ist Gehl auf Drängen des Kreisvorsitzenden bereits am Montag zurückgetreten. Dabei könne es allerdings nach Meinung der Kreis-SPD nicht bleiben: „Mit dieser Vorgeschichte kann Christoph Gehl das Amt des Bürgermeisters von Eutin nicht wie vorgesehen am 1. August antreten. Wir fordern ihn daher auf, auf dieses Amt zu verzichten. Es erklärt sich von selbst, dass er auch nicht Vorsitzender der Eutiner SPD bleiben kann“, betonen Dürbrook und Freitag-Ehler einmütig. Auch ein Parteiausschluss liegt im Bereich des Möglichen.

Bitter für die SPD, noch bitterer für die Eutiner Wähler

Eine schlüssige Erklärung für diese Tat habe Christoph Gehl ihm nicht liefern können, sagt Niclas Dürbrook. Und finanzielle Schwierigkeiten hätten es kaum sein können, wenn Gehl in der Lage sei, den Fehlbetrag innerhalb von zwei Tagen zurückzuzahlen. „Ich weiß nicht, was in dem Menschen vorging“, steht Dürbrook vor einem Rätsel. Niclas Dürbrook und Gabriele Freitag-Ehler betonen: „Wir sind als SPD, aber auch persönlich als Kreisvorsitzende massiv getäuscht worden. Das erschüttert uns. Es ist bitter für die SPD Ostholstein. Und es ist noch bitterer für die Eutinerinnen und Eutiner, die Christoph Gehl am 20. März mit deutlicher Mehrheit ihr Vertrauen als neuen Bürgermeister geschenkt haben. Die juristische Beurteilung obliegt jetzt der Staatsanwaltschaft. Es ist ein kleiner Trost, dass durch die Aufdeckung zum jetzigen Zeitpunkt Schlimmeres verhindert werden konnte.“

Steht eine Neuwahl ins Haus?

Für eine Stellungnahme hat unsere Zeitung Christoph Gehl zunächst nicht erreicht. Gegenüber den Lübecker Nachrichten hat er sich aber offenbar in puncto Konsequenzen relativ uneinsichtig gezeigt. Auf seiner Homepage wirbt Gehl jedenfalls noch mit diesem Slogan: „Ihre Stimme für mehr Transparenz und ein besseres Miteinander!“ Der Eutiner SPD-Fraktionsvorsitzende Uwe Tewes hat noch für Mittwochabend Ortsvorstand und Fraktion zu einem Treffen eingeladen. „Ich will eine Entscheidung nicht vorwegnehmen, aber für mich persönlich ist Christoph Gehl als künftiger Bürgermeister nicht zu halten“, so Tewes. Möglicherweise steht der Stadt Eutin eine Neuwahl ins Haus – im Zweifelsfall jedoch eine Abwahl.

Volker Graap

Der SPD-Kreisvorsitzende Niclas Dürbrook (Mitte), seine Stellvertreterin Gabriele Freitag-Ehler und der Eutiner SPD-Fraktionschef Uwe Tewes traten am Mittwoch vor die Presse und machten den Skandal um Schatzmeister Christoph Gehl öffentlich. (Fotos: Graap)
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6 Antworten auf &‌#8222;Eutin: Neuer Bürgermeister soll Geld veruntreut haben – Strafantrag&‌#8220;

  1. Christoph König sagt:

    Jeder bekommt den Bürgermeister den er wählt. Die Wahl von Herrn Gehl zeigt für mich auch, dass Wähler kein Interesse daran haben, die Aussagen und auch Versprechen der Kandidaten kritisch zu hinterfragen. Ehrlichkeit und Transparenz ist dabei das zentrale Thema, im Fall von Herrn Gehl hat sich jedoch im Wahlkampf abgezeichnet, dass es hier „Nachholbedarf“ gibt. Die wechselnden Aussagen über seine Lebenssituationen ( mal arbeitslos, mal freigestellt) waren dabei nur das I-Tüpfelchen auf dem Gehl-Konstrukt. In alle Richtungen wurden vielfältige Versprechen abgegeben, losgelöst davon, ob diese realisierbar sind.

    Jetzt wissen wir, er hat auf Kosten der SPD-Ostholstein gelebt und die Mitgliedsbeiträge der Genossinnen und Genossen mit Wein, Bratwurst und Kuchen „verlebt“ -wie Bitter für jemanden, der sich „Transparenz“ in sein Programm und „Finanzmanagement“ in seinen Lebenslauf geschrieben hat. Was macht uns so sicher, dass er dies nicht mit der Stadtkasse macht? Seine Aussagen in der Presse zeigen zudem, dass er offensichtlich keinerlei Selbstreflexion und Unrechtsbewusstseins besitzt.

    Das Aussitzen seiner Rolle als Bürgermeister zielt meiner Einschätzung nach darauf ab, ab dem 01.08 in die komfortablen Genüsse der Bürgermeister-Besoldung zu kommen, womöglich auch Rentenansprüche. Sein nicht erfolgter Rücktritt zeigt, auf welchem fernen Planeten Herr Gehl lebt oder wie berechnend sein Handeln ist.

    Niemand will jemanden zum Bürgermeister, der fremdes Geld unterschlagen hat und womöglich Abrechnungen gefälscht hat. Das Vertrauen ist weg und die Erde für ihn in Eutin nachhaltig zerstört. Herr Gehl hat die Parteiziele der SPD der „sozialen Umverteilung“ offensichtlich auch für sich persönlich zu seinen Gunsten neu definiert. Schlimmer als der Schaden für die SPD ist jedoch, dass er das Grundvertrauen in unsere Politik(er) stark beschädigt hat. Damit spielt er denjenigen in die Hände, die Politikverdrossenheit schüren und unsere Demokratie schädigen wollen. Die SPD Ostholstein muss sich fragen, warum ihr die Veruntreuung nicht vorher aufgefallen ist; trotz Corona konnten Mitgliederversammlungen abgehalten werden und jeder Kaninchenzüchter-Verein konnte Kassenprüfungen durchführen. Ich hoffe, dass hier auch im Vorstand überlegt wird, wie hier Transparenz zukünftig sichergestellt wird.

    Die Eutiner müssen sich meiner Meinung nach fragen, warum sie jemanden mehrheitlich „blind“ gefolgt sind, dessen Wahlkampf aus „Versprechen für alle“ bestand, ohne kritisch zu hinterfragen, welche Reputation ist der Kandidat besitzt. Einen schlüssigen und vollständigen Lebenslauf konnte Herr Gehl nämlich nicht präsentieren.

  2. Axel Lensinger sagt:

    Es kann nur Neuwahlen geben ,alles andere wäre eine Unding.
    Der alte bzw noch Bürgermeister ist eindeutig abgewählt, und darf nicht länger als nötig im Amt bleiben. Er blockiert vieles und Bürgernähe habe ich auch nicht erlebt .

  3. Jörg van der Meirschen sagt:

    Eutin,
    bitte bleibt bei Herrn Behnk!!!
    Loyaler kann kaum jemand sein.
    Kompetent, fair und bürgernah.
    Reicht das nicht?

  4. Thorsten Detmers sagt:

    Ich habe mich schon gewundert, wie jemand sich freiwillig arbeitslos melden kann, um für den Wahlkampf entsprechend mehr Zeit zu haben. Aber jetzt auch noch so ein Ding. Ob zurück gezahlt oder nicht – für ein Bürgermeister-Amt ist dieser Mann aus meiner Sicht nicht geeignet. (und auch für viele andere nicht…)

  5. Andreas Ranke sagt:

    Das er nicht mehr tragbar sein kann ist verständlich und den Bürgern nicht zu vermitteln. Trotzdem…was bringt einen Menschen..der so eine Verantwortung trägt..sowas zu tun..und sich sogar noch zum Bürgermeister wählen zu lassen…er muss doch zu 100% damit gerechnet haben..das man ihn auf die Schliche kommt.

  6. Claus Beitz sagt:

    Es irritiert mich immer mehr, dass Kandidaten für irgendwelche Ämter scheinbar vor der Nominierung nicht mehr gefragt werden, ob sie in der Vergangenheit mal etwas nicht ganz koscheres gemacht haben- kurz ob sie Dreck am Stecken haben, der Ihnen mal vorgehalten werden kann … auch schon allein um Schaden von der Partei fernzuhalten

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