Timmendorfer Strand erinnert an Unrecht: Zwei Stolpersteine gegen das Vergessen

NS-Verbrechen sind nicht irgendwo passiert, oft geschah das Unfassbare vor den Haustüren der Bürger – auch in Timmendorfer Strand. Seit Dienstag erinnern zwei sogenannte Stolpersteine an das Schicksal zweier Einwohner, die Opfer der nationalsozialistischen Ideologie wurden.

Nazis haben Hermann und Rosa Kobritz  deportiert

Der Künstler und Bildhauer Gunter Demnig hat das Stolperstein-Projekt 1996 gestartet und mit seinem Team mittlerweile fast 90 000 dieser Erinnerungssteine in 27 Ländern in Europa verlegt.  Eingelassen werden die Steine vor den einstigen Wohnungen der Menschen, die der NS-Diktatur zum Opfer fielen. Am Timmendorfer Platz 5 finden sich jetzt im Gehwegpflaster kleine Messingplatten mit den Namen von Hermann und Rosa Kobritz.

Erinnerung an NS-Verbrechen wachhalten

Anfang der 1930er-Jahre zog das Hamburger Kaufmannsehepaar  nach Timmendorfer Strand. Nicht anders als viele Menschen heute, wollten sie ihren Ruhestand an der Ostseeküste verleben. Als Juden blieb ihnen das jedoch verwehrt: Die Nazis veranlassten am 17. Juli 1942 die Deportation der beiden von ihrer Wohnung gegenüber des Alten Rathauses in das Konzentrationslager Theresienstadt, wo Hermann Kobritz am 8. Dezember 1944 starb. Rosa überlebte das KZ. Ihr Besitz war noch 1942 zugunsten der Reichskasse versteigert worden. „Nie darf sich dieses Unrecht wiederholen. Deshalb ist es wichtig, die Erinnerung an diese Verbrechen wachzuhalten und ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen“, sagte Bürgermeister Sven Partheil-Böhnke bei der kleinen Gedenkstunde.

Diese Aktion ist einem Schulprojekt zu verdanken

Dass die Stolpersteine verlegt wurden, ist letztendlich einem Projekt der GGS-Strand Europaschule zu verdanken. Geschichtslehrer Ekkehard Rawohl hatte sich mit seinen Schülern diesem Thema gewidmet und freut sich, dass diese besondere Art des Gedenkens der individuellen Schicksale jetzt auch vor Ort realisiert werden konnte. „Timmendorf steht für Strand, Meer und entspannte Erholung, und doch hat das Grauen auch vor dieser Gemeinde nicht halt gemacht. Vor 80 Jahren begann die Deportation von Juden in den Osten. Hier sehen wir nun, dass Geschichte vor der Haustür anfängt“, so Rawohl. Er gibt zu, dass es auch für ihn als Geschichtslehrer oft komplett unerklärlich ist, was Menschen anderen Menschen antun. „Millionen ermordete Menschen – das ist eine abstrakte Größe“, meint Gunter Demnig. Die Stolpersteine dagegen ermöglichten „handfesten Geschichtsunterricht“. Und NS-Opfer erhielten auf diese Weise ihre Identität zurück.

Volker Graap

Der Künstler Gunter Demnig hat zwei Stolpersteine für das jüdische Ehepaar Rosa und Hermann Kobritz verlegt, die 1942 aus Timmendorfer Strand ins KZ Theresienstadt verschleppt wurden. (Foto: Graap)

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