Im Eutiner Stadtarchiv gestöbert: Ein Blick auf Weihnachten vor 100 Jahren

Stadtarchiv

Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, wie Weihnachten vor 100 Jahren in Eutin gefeiert wurde, kann im Eutiner Stadtarchiv nachschlagen. Dort lagern die alten Bände des „Anzeigers für das Fürstentum Lübeck“. Sie reichen bis ins Jahr 1847 zurück, weiß Stadtarchivar Jakob Sperrle. 1921 jedenfalls macht die Zeitung ihrem Namen alle Ehre. Weihnachtliche Anzeigen von lokalen Unternehmen finden sich im Advent en masse.

„Ein rechtes Familienfest ohne besonderen äußeren Lärm“

Wie die Festtage tatsächlich waren, fasst die Heimatzeitung am 27. Dezember sogar in einer Meldung zusammen. „Das liebe Weihnachtsfest ist diesmal wieder als rechtes Familienfest ohne besonderen äußeren Lärm und aufregende Ereignisse vorübergegangen. Am ersten Feiertag setzte vormittags auch ein kleines Schneetreiben vorübergehend ein, um uns wenigstens ein Weihnachtswetter vorzutäuschen. Die in Aussicht stehende Preiserhöhung veranlasste auch ein zahlreiches Reisen zur Verwandtschaft.“ Dass die damaligen Zeiten schwierig waren, verrät eine Nachricht vom selben Tag. Die städtische Gasanstalt muss die Gasabgabe bis auf Weiteres einstellen. „Begründet wird diese Maßnahme durch Kohlemangel, dessen Abhilfe noch völlig ungewiss ist“, heißt es dort. Wegen geringer Vorräte müsse auch der Eisenbahnverkehr stark reduziert werden.

Viel Werbung für „praktische Weihnachtsgeschenke“

Aus den Annoncen lässt sich der Mangel der Nachkriegszeit aber nicht unbedingt herauslesen. Die Tageszeitung selbst macht das Schalten eines Inserats mit einer Eigenanzeige richtig schmackhaft. „Der Weihnachtsmann beginnt jetzt, seine Einkäufe zu machen, darum liest er jeden Tag den ,Anzeiger‘, um zu sehen, was die einzelnen Geschäfte ihm anbieten“, steht da geschrieben. Und die Fachgeschäfte rühren kräftig die Werbetrommel – oft auch für „praktische Weihnachtsgeschenke“. Ernst Haack empfiehlt alte Pfeifen, Ess-Service, Kristall-Schalen, Chocoladen-Kannen und Torten-Platten. Die Schloss-Drogerie am Markt 4/Ecke Peterstraße preist „für den Weihnachtstisch“ eine Riesenauswahl an Toilette-Artikel aller Art, Parfümerien und Toilette-Seifen an. Bei Christian Möller in der Sackstraße gibt es Zigarren, Zigaretten und Tabak in Geschenkpackungen. Auch Spazierstöcke sind bei ihm zu bekommen.

Der Weihnachtswunsch der Hausfrau: Aluminium für Küche und Haus

Scheele & Oelkers in der Peterstraße 24 bieten als „passende Weihnachtsgeschenke“ moderne elektrische Beleuchtungskörper, Stehlampen und Tischlampen an, aber auch elektrische Bügeleisen und Fußwärmer. Und Karl Cordts in der Lübecker Straße weiß genau: „Der Weihnachtswunsch der Hausfrau ist Aluminium für Küche und Haus.“ Kaufmann Baumann in der Kieler Straße empfiehlt eine große Auswahl an Tannenbaumbehang: Tannenbaumkonfekt, Tannenbaumkekse, Tannenbaumschmuck und Tannenbaumkerzen. Auch Lübecker Marzipan ist dort vorrätig. Bei Heinrich Behrens gibt es die kleinen Weihnachtsfreuden: Walnüsse, Feigen und Apfelsinen. Herrmann Plötner in der Lübecker Straße empfiehlt „lebende Weihnachtskarpfen und große lebende Brassen“.

Die größten Anzeigen schalten die Kaufhäuser

Die größten Anzeigen schalten die Kaufhäuser. Löffler, Menke & Koch werben für „billige Gebrauchsgegenstände als Weihnachtsgeschenke“. Dazu zählen Strümpfe, Schürzen und Blusenstoffe. Das Kaufhaus John Lahrsen Söhne in der Sackstraße eröffnet „eine sehenswerte Spielwaren-Ausstellung“, preist aber auch „beliebte Festgeschenke“ an und nennt als Beispiele Halsketten und Brennscheren für Damen sowie Taschentücher und Bieruntersätze für Herren. Rudolf Karstadt wirbt für Kleidung als „passendes Geschenk“: Oberhemden, Leibwäsche, Kragen und Manschetten für den Herren, Kostüme, Kleider, Handschuhe und Schirme für die Dame.

Wohltätigkeitsabend zugunsten der Kriegswaisen

Dass es aber 1921 auch Not und Elend gab, lässt eine Anzeige für einen Wohltätigkeitsabend am 6. Dezember im Schlosshotel vermuten. Er ist zugunsten einer Weihnachtsbescherung der 155 Kriegswaisen der Stadt- und Landgemeinde Eutin.

Text/Foto: Volker Graap

Der Stadtarchivar
Als Nachfolger von Rainer Millmann hatte Jakob Sperrle diesen Posten erst im Januar übernommen. Der 38-jährige Schwabe hat in Greifswald Kunstgeschichte, Geschichte und Bildende Kunst studiert. Inzwischen ist er fest in Ostholstein verankert und  lebt mit seiner Freundin in Neustadt. „Nach zehn Jahren als Nutzer von Archiven ist es spannend, jetzt mal die Seiten zu wechseln“, sagt Sperrle, der sich in seine Aufgabe reinfuchsen musste. „Es war gut, dass ich mir in drei Monaten ohne Publikumsverkehr einen Überblick verschaffen konnte.“ Durch Fortbildungen ist er nun in Datenschutz und Archivrecht geschult. Auf eines weist Sperrle ausdrücklich hin: „Das Stadtarchiv ist für alle da und offen zugänglich. Bisher hatte ich überwiegend mit Wissenschaftlern, Doktoren und Professoren zu tun, weniger mit Normalbürgern“, berichtet er. Aber genau die und auch Schüler würde er gerne öfter begrüßen. Er würde sich außerdem freuen, wenn dem Archiv Nachlässe mit lokalhistorischer Bedeutung von Vereinen und Privatpersonen anvertraut werden würden. Kontakt gibt es unter Telefon 04521 793253 oder per E-Mail an stadtarchiv@eutin.de. Das Stadtarchiv bleibt zunächst aber vom 22. Dezember bis zum 8. Februar geschlossen. Danach ist es regulär Dienstag und Donnerstag von 9 bis 11 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet.
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