Lübeck plant Rückgabe von Objekten der Völkerkundesammlung nach Afrika

Die Lübecker Völkerkundesammlung plant aktuell eine Rückgabe von Objekten nach Afrika. Die Entscheidung fällt die Bürgerschaft.

Die Entscheidung fällt die Bürgerschaft am 22. Januar

Die Lübecker Völkerkundesammlung plant aktuell eine Rückgabe von Objekten nach Afrika. Mit Zustimmung der Bürgerschaft im Januar könnten Verhandlungen über die Rückführung von insgesamt 26 Objekten in die Länder Namibia und Äquatorialguinea erfolgen. Der Kulturausschuss der Hansestadt Lübeck wird bereits am Montag, 13. Dezember 2021, über das Vorhaben beraten, die Entscheidung der Bürgerschaft soll dann in der Sitzung am Donnerstag, 27. Januar 2022 fallen.

Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau unterstützt diese Initiative. „Lübeck hatte schon immer ein starkes Geschichtsbewusstsein. Das schließt für mich auch eine kritische Auseinandersetzung mit den dunklen Kapiteln unserer Stadtgeschichte ein, wie den Nationalsozialismus oder nun auch dem Kolonialismus. Wir bedauern das Unrecht, das damals geschehen ist“, so Lindenau. Auch Lübecks Kultursenatorin Monika Frank betont: „Es ist unsere erklärte Haltung, dass die Lübecker Museen zu Unrecht erworbene Exponate zurückzugeben, ungeachtet ihres jeweiligen Wertes. Mit dieser freiwilligen Rückgabe möchten wir für die deutschen Museen und die gesamte Gesellschaft ein starkes Zeichen setzen. Wir wollen hier Vorbild sein und haben frühzeitig mit der Provenienzforschung begonnen.“

Initiative von Lübecks Seite

Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass diese Initiative von Lübecker Seite ausgeht. Erstmalig in der deutschen Museumslandschaft sollen Objekte aus kolonialen Kontexten freiwillig und unaufgefordert zurückgegeben werden. Im Gegensatz zu vielen anderen ethnologischen Museen liegt der Völkerkundesammlung bis zum heutigen Tag keine einzige Rückgabeforderung vor.  „Ein Grund hierfür mag die Tatsache sein, dass es sich um eine bürgerliche Sammlung handelt, die in den letzten 300 Jahren überwiegend von im Ausland tätigen Lübecker Kaufleuten und Reisenden zusammengetragen wurde und nicht durch die Raubzüge kolonialer Armeen“, erläutert der Leitende Direktor der Lübecker Museen Prof. Dr. Hans Wißkirchen. „Wir haben in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverlust und dem Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck bereits Provenienzforschung über die Lübecker Museen in der Zeit des Nationalsozialismus betrieben und erste Rückgaben durchgeführt. Das aktuelle Projekt der Völkerkundesammlung über Objekte aus kolonialen Kontexten ist also nur der nächste logische Schritt.“

Rückgabe im Rahmen eines Forschungsprojektes

Die Auswahl der Objekte für das geplante Rückgabeangebot erfolgte im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste finanzierten Forschungsprojektes, an dem neben dem Leiter der Völkerkundesammlung, Dr. Lars Frühsorge, der Historiker Michael Schütte und Drossilia Dikegue Igouwe aus Gabun (derzeit Stipendiatin am Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck) beteiligt sind. Im Rahmen dieses Projektes wurden zwei Bestände der Völkerkundesammlung genau unter die Lupe genommen: Bei dem ersten Bestand handelt es sich um die 432 Exponate umfassende Sammlung aus Namibia. Hierbei sollte geklärt werden, ob und wie einige dieser Objekte im Umfeld des vieldiskutierten Völkermordes an den Herero und Nama (1904-1908) nach Lübeck gelangte. Zwar konnte keines der Objekte als Raubgut identifiziert werden. Es wurden jedoch die Biografien verschiedener Sammler durchleuchtet und zwei Personen gefunden, die unmittelbar an den Kampfhandlungen beteiligt waren und deren Objekte schon deshalb belastet erscheinen. Hierbei handelt es sich um eine Sammlung von 18 Stücken Eisenschmuck und Gebrauchsgegenständen von dem Militärarzt Dr. Gerald Jorns (1876- 1936) und um zwei antike Gewehre aus dem Nachlass des Hauptmanns Wilhelm Thiel (1881-1915), dessen Grab bis heute auf dem Ehrenfriedhof zu finden ist.  Hinzu kommen sterbliche Überreste von drei Afrikanern, die zwar in keinem Zusammenhang mit dem Völkermord stehen, aber mutmaßlich aus einem Grabraub stammen. Sie wurden nach dem Ersten Weltkrieg von der Krankenschwester Elisabeth Kulow an das Völkerkundemuseum übergeben.

Raubgut ist manchmal nicht sicher zu identifizieren

Bei dem zweiten Bestand handelte es sich um Objekte der Lübecker Pangwe-Expedition nach Zentralafrika (1907- 1909). Aus den niedergeschriebenen Lebenserinnerungen des Expeditionsleiters Günter Tessmann ist bekannt, dass – neben legalen Erwerbungen – ein Teil der Sammlung durch Raub und Erpressung in seinen Besitz gelangte. Allerdings überdauerten nur 150 Objekte der einstmals 1200 Stücke umfassenden Sammlung die Bombardierung Lübecks im Zweiten Weltkrieg. Unter diesen Resten noch Raubgut zu identifizieren, erwies sich als unmöglich. Es konnten jedoch zwei Objekte – eine Maske und eine Ahnenfigur – identifiziert werden, die Tessmann als Geschenke örtlicher Häuptlinge erhielt. Wie er selbst Jahrzehnte später in seinen Lebenserinnerungen eingestand, war diese Transaktion fragwürdig, weil er den Häuptlingen suggerierte, ein offizieller Vertreter der Kolonialmacht zu sein und ihnen gefälschte Papiere zur Anerkennung ihrer Herrschaftsgebiete ausstellte. Papiere, auf deren Grundlage einer der Anführer sogar einen Krieg gegen benachbarte Dörfer im Namen des Lübecker Forschers begann.

Rückgabe als Zeichen der Anerkennung von historischem Unrecht

„Wir haben die Rückgabe dieser zwei Stücke lange diskutiert, da sie zu den kulturhistorisch wertvollsten unserer Sammlung zählen und es keine juristische Verpflichtung für eine Rückgabe dieser Geschenke gibt“, erläutert Dr. Lars Frühsorge, der sich seit seinem Dienstantritt als Leiter der Völkerkundesammlung vor drei Jahren intensiv mit der Lübecker Kolonialgeschichte befasst. „Aber wir müssen den unermesslichen Wert berücksichtigen, den diese Stücke für die Menschen in Afrika haben, als Teil ihres kulturellen Erbes, das sie bisher nur in Museen in Europa sehen konnten.“ Zwar gibt es in Deutschland Vorurteile hinsichtlich der Zustände in afrikanischen Museen was Sicherheit, Korruption und die konservatorischen Bedingungen angeht. Eine Rückgabe als Zeichen der Anerkennung historischen Unrechts dürfe aber nicht unter Vorbehalten sein.  Von afrikanischer Seite wird oft folgender Vergleich gezogen: Würde heute etwas aus einem Haus entwendet und der Dieb überführt, so wäre es doch absurd, wenn er an die Herausgabe seiner Beute noch Bedingungen knüpft. Auch das Argument, dass Kulturgüter nur in Europa sicher bewahrt werden konnten und auch zukünftig hier verbleiben sollten, macht bei einer Sammlung, die zu fast 90 Prozent im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurde, wenig Sinn.

Sollte das Lübecker Rückgabeangebot in Namibia und Äquatorialguinea auf Interesse stoßen, so würde dies nicht das Ende, sondern erst der Anfang einer produktiven Zusammenarbeit mit Afrika sein. So startet bereits im Januar 2022 eine von insgesamt drei Ausstellungen in den Lübecker Museen, die sich der Natur und den Religionen des Kontinents sowie den Beziehungen zwischen Lübeck und Afrika von der Kolonialzeit bis heute widmen.

Die Beschlussvorlage wird am 13. Dezember 2021 im Ausschuss für Kultur und Denkmalpflege beraten. Sie ist online abrufbar unter www.luebeck.de/politik

Pressemitteilung Hansestadt Lübeck

Foto: Ulf-Kersten Neelsen

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