Stopp auf dem Malenter Ingenhof: Deutschlands einzige Winzerin auf der Walz

Wer hat nicht schon mal Wandergesellen in ihrer typischen Kluft am Straßenrand gesehen? Zimmerleute auf der Walz – das ist nichts Ungewöhnliches. Aber eine junge Winzerin? Franziska Schilling aus Radolfzell am Bodensee ist Deutschlands einzige Weinbäuerin auf der Walz. In den vergangenen vier Wochen machte sie Station auf dem Weingut Ingenhof in Malente-Malkwitz.

Wanderschaft ist an Traditionen gebunden

„Für viele Leute ist es eine Überraschung, aber Gesellen aus jedem traditionellen Handwerk dürfen unter bestimmten Bedingungen auf Wanderschaft gehen“, betont Franziska Schilling und erläutert: „Voraussetzung ist der Gesellenbrief. Außerdem muss man ledig, unter 30 Jahre alt sowie schuldenfrei, kinderlos und nicht vorbestraft sein.“ Das stelle sicher, dass man die Wanderschaft nicht als Flucht vor Verantwortung nutze, sondern um dazuzulernen und Erfahrungen zu sammeln. Die Wanderjahre dauern mindestens drei Jahre und einen Tag. Solange darf man sich dem Heimatort nicht mehr als 50 Kilometer nähern. Auch das Handy ist tabu.

Franziska Schilling hat etwas ganz anderes studiert

Die inzwischen 30-jährige Württembergerin hat ihr Bündel vor genau einem Jahr direkt nach ihrer Ausbildung geschnürt. Dass sie diesen Schritt gewagt hat, liegt vermutlich auch an ihrer Wissbegierigkeit. Denn vor der Lehre hatte Franziska Schilling bereits studiert und den Bachelor in Bewegung und Ernährung sowie den Master in Abenteuer- und Erlebnispädagogik erworben. „Ich komme auch gar nicht aus einer Winzerfamilie. Mich hat es vielmehr gereizt, noch mal etwas Handwerkliches zu machen. Eine Tätigkeit, bei der ich viel draußen und in der Welt unterwegs bin und bei der Leute gerne zu einem kommen“, sagt die junge Frau.

Seit einem Jahr in halb Europa unterwegs

In den vergangenen zwölf Monaten ist sie tatsächlich viel herumgekommen. Sie reiste durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, Polen, Belgien und Luxemburg. Nicht immer standen andere Weinkeller auf dem Plan, mal arbeitete sie auch bei einem Bierbrauer, mal bei einem Tischler. „Auf dieser Bildungsreise kann und soll man auch mal in andere Handwerksberufe schauen. Die Arbeit in einer Kaffeerösterei und einer Käserei würde mich auch noch interessieren“, sagt Franziska Schilling.

Neue Eindrücke vom Weinanbau im feuchten Norden

Vor einem Monat stand sie dann eines Abends auf dem Hof der Malenter Landwirtin Melanie Engel und fragte nach Arbeit. „Ich hatte zufällig von diesem Weingut in Schleswig-Holstein gehört, und es interessierte mich, wie hier bei diesem Klima die Sorten wachsen“, berichtet die Winzergesellin. Engel hat auf dem Ingenhof pilzwiderstandsfähige Weinsorten gepflanzt, die mit der weniger sonnigen Witterung zurecht kommen – und, wie Franziska Schilling festgestellt hat, auch weniger Spritzmittel benötigen.

Stets offenen, herzlichen Menschen begegnet

„Sie kam im richtigen Moment – wie vom Himmel geschickt“, freut sich Melanie Engel noch heute über die Ankunft der Fachkraft, von denen es im Norden ja nicht so viele gibt. Franziska Schilling hat beim Entblättern der Reben, bei der allererste Himmbeer- Essig-Abfüllung, aber auch bei Veranstaltungen geholfen. „Ob in der Uckermark, in Cuxhaven, Greifwald oder hier in Malente – ich bin meist offenen, herzlichen Menschen begegnet“, zieht die Winzerin eine Zwischenbilanz ihrer Wanderschaft. Jetzt will sie einen anderen Wandergesellen, einen Koch, auf dem Weg in die Heimat nach St. Pölten begleiten – und danach wartet Europa und, wer weiß, die Welt.

Volker Graap

Ingenhof-Chefin Melanie Engel (links) hatte Franziska Schilling, Winzerin auf der Walz, zu Gast. (Foto: Graap)

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