Das Cavalierhaus in Eutin: Vom Gästehaus für den Adel zum Heim historischer Bücher

Es bildet den Abschluss des Gebäudeensembles rund um den Eutiner Schlossplatz: Das 1840 erbaute „Cavalierhaus“ – heute Heimat der Eutiner Landesbibliothek – hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, die jetzt vor Ort in einer kleinen Ausstellung näher beleuchtet wird. Unter dem Titel „Biografie eines Eutiner Gebäudes“ sind bis zum 6. November unter anderem weitgehend unbekannte Stiche, originale Baupläne und alte Fotografien zu sehen.

Auf der Suche nach alten Bauakten fündig geworden

Den Anstoß zu der Schau im Foyer gab Anja Sierks-Pfaff, Geschäftsführerin der Stiftung Eutiner Landesbibliothek. Im Zuge der geplanten Restaurierung der Fenster des Gebäudes hatte sie sich gefragt, ob noch irgendwo alte Bauakten zu finden sind, die Aufschluss über die ursprüngliche Farbe der Rahmen und der Fassade geben können. „Das komische Braun von heute hat man früher jedenfalls nicht benutzt“, war sich Anja Sierks-Pfaff von Anfang an sicher. Sie bat Bibliotheksmitarbeiter Professor Dr. Axel E. Walter, im Schleswiger Landesarchiv zu recherchieren. Und tatsächlich stieß der Leiter der Forschungsstelle für Historische Reisekultur dort auf einen prall gefüllten Ordner.

Dokumente beschreiben Bauprojekt minutiös

„Die Papiere dokumentieren detailliert, was zwischen der ersten Grundriss-Skizze 1835 und der Übergabe des Gebäudes an die großherzogliche Regierung alles gebaut und bezahlt wurde“, berichtet Walter. Ein Raumplan beschreibt jedes Fenster und jede Tür minutiös. Die Dokumente belegen, dass sich die Bauzeit aufgrund von Änderungswünschen des Herzogs und Materialmangel „zwar ewig verzögert hat, die Kosten am Ende aber rund zehn Prozent niedriger waren als veranschlagt“, erzählt Bibliotheksleiter Dr. Frank Baudach.

Cavalierhaus-Kosten mit 9547 Reichstalern kalkuliert

Rund 9547 Reichstaler waren für das Cavalierhaus kalkuliert worden – einschließlich 25 Reichstaler für Bier beim Richtfest. „Das entsprach ungefähr dem Jahresverdienst einer Dienstmagd“, ordnet Walter das Getränkebudget ein. Jedes Stockwerk wurde übrigens von anderen Handwerkern gebaut, sodass möglichst viele Firmen aus der Region Berücksichtigung fanden – so lief Wirtschaftsförderung anno dazumal.

Jedes Appartement hatte eine Kammer für Bedienstete

Aber was ist nun eigentlich ein „Cavalierhaus“? Es war eine Art Gästehaus des Schlosses. „Hier haben Hofbeamte und solche adeligen Gäste logiert, die nicht bedeutend genug waren, um im Schloss zu wohnen“, berichtet Walter. Oberschenk von Witzendorf zum Beispiel hatte im Erdgeschoss sein Gemach. Überhaupt waren die Wohnräume ganz auf die vornehmen Gäste zugeschnitten: Jedem Appartement war eine kleine Kammer für Bedienstete angeschlossen. Toiletten gab es auf jeden Stockwerk.

Nutzung des Gebäudes änderte sich mehrmals

In den späteren Jahrzehnten wurden immer wieder bauliche Veränderungen vorgenommen, denn auch die Nutzung änderte sich. Mal war es Mietobjekt, mal Sitz der Wohnungsbaukreditanstalt. Die Bibliothek zog erst 1935 ins Cavalierhaus ein und blieb – mit zwei Unterbrechungen: 1945 besetzten die Briten das Gebäude und richteten dort unter anderem eine Lesestube mit englischen und deutschen Zeitungen ein. Und von 1980 bis 1994 war der historische Bücherbestand in die heutige Kreisbibliothek ausgelagert. Erst nach einem grundlegendem Umbau bezog die Landesbibliothek wieder ihr eigenes Domizil.

Vortrag über Historie von Gebäude und Bibliothek

Der Aufbau der Bibliothek erfolgte übrigens schon parallel zum Cavalierhaus-Bau: „Ab 1837, also fast 100 Jahre lang, stand die großherzogliche Bibliothek in der heutigen Weber-Schule. Erst als der letzte Mieter aus den Cavalierhaus ausgezogen war, wurden die Räume für unsere Sammlungen hergerichtet“, erzählt Baudach. Als profunder Kenner hält er am Mittwoch, 21. Juli, um 19.30 Uhr den Vortrag „Schloss – Schule – Cavalierhaus“ zur Historie von Gebäude und Bibliothek. Führungen durch die Ausstellung werden am Mittwoch, 7. und 28. Juli, um jeweils 17 Uhr angeboten. Eine Anmeldung unter Telefon 04521 788770 ist erforderlich.

Fenster werden demnächst restauriert

Die Fenster des Cavalierhauses werden in Kürze übrigens in einem Grauton gestrichen. „In den nächsten zwei Jahren sollen alle Fenster nach historischem Vorbild und in aufwendiger alter Handwerkskunst instandgesetzt werden“, kündigt Anja Sierks-Pfaff an. Ein Musterfenster hat bereits einen frischen Anstrich erhalten. Die Ausstellung im Foyer ist während der regulären Öffnungszeiten zu besichtigen, nähere Informationen gibt es online auf www.lb-eutin.de.

Volker Graap

Anja Sierks-Pfaff, Dr. Frank Baudach und Professor Dr. Axel E. Walter (rechts) laden zur kleinen, aber feinen Ausstellung ins 1840 als letztes Gebäude am Schlossplatz erbaute Cavalierhaus ein. (Foto: Graap)
Als die Briten 1945 einzogen, hatte das Gebäude sogar einen Eingang an der Stolbergstraße. Diese Aufnahme stammt aus dem Jahre 1948. (Foto: hfr)

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