Eutin historisch: Als Heiße Wecken in die Gaststätten lockten

Nun, wo die weihnachtlichen Pfunde es sich auf den Hüften gemütlich gemacht haben und der Sinn trotzdem noch nicht nach Salat und Quarkspeisen steht, ist eine neue leckere Kalorienbombe auf den Markt. Ein traditionelles norddeutsches Hefegebäck, das seit Jahrhunderten vor Beginn der Fastenzeit gegessen wird: die Heiße Wecke. Wie der Wochenspiegel bereits berichtete, stellt die Stadtbäckerei Klausberger diese Spezialistät gerade wieder als traditionelles saisonales Produkt her. Regine Jepp vom „Büro für Eutiner Stadtgeschichte“ hat zur Historie im Anzeiger für das Fürstentum Lübeck recherchiert.

Bäckereien haben einst viele Heißewecken-Varianten angeboten

Zum Ende des 19. Jahrhunderts bieten in Eutin verschiedene Bäckereien diese Leckerei an. Bei Bäcker Franz Beuth in der Peterstraße 26 gibt es als Variante Kräuter-Heiße-Wecken. Auch bei Bäckermeister Albert Lötje in der Lübecker Straße 49 wird sie angeboten, Bäcker Ad. Dechow, Kieler Straße (Riemannstraße) 21 führt sie ebenfalls. Überdies führen die Konditorei Otto Grantz am Markt und Bäckerei Carl Spattholz im Haus der Guttempler-Loge, Elisabethstraße 47, Heiße Wecken.

Backwaren wurden verspielt und verkegelt

Doch die Hauptverbreitung finden die Heißen Wecken, die es in zahlreichen unterschiedlichen Schreibweisen gibt, über die Gaststätten. Die Szenerie der Lokalitäten in Eutin ist um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert äußerst vielfältig. In der Stadt und der fußgängerfreundlichen Umgebung finden circa 60 Gaststätten ihr Publikum. Insgesamt lassen sich 22 Lokalitäten nachwiesen, in denen zwischen 1878 und 1914 Heiße Wecken verspielt, verkegelt oder verschossen werden. Der Boom ist so heftig, dass sich die „Regierung“ im Februar 1904 zu einer Klarstellung bemüßigt fühlt, denn auch für das Spielen um Heiße Wecken wird eine Genehmigung benötigt. Diese Veranstaltungen finden zwischen Mitte Januar und Anfang März statt.

Zahlreiche Spieleabende fanden im Frühjahr statt

Im „Bürgerlichen Brauhaus“, Lübecker Straße 13-15, das aus der einstigen Dampfkornbrandweinfabrik Evers hervorgegangen ist, wird unter Gastwirt Wilhelm Albers kurz vor dem Ersten Weltkrieg um Heiße Wecken gespielt. Im „Altdeutschen Haus“, Sackstraße (Am Rosengarten) 1, in der „Alten Grenze“, Kieler Straße (Riemannstraße) 41, und im „Voss-Eck“ bei Gastwirt Kasch, Voss-Platz 9, finden zahlreiche Spielabende statt, in denen Heiße Wecken als Gewinn winken. In der Kieler Straße (Riemannstraße) 7 werden im „Deutschen Haus“ im Jahr 1905 nicht nur Heiße Wecken, sondern auch Kieler Sprotten verspielt. Auch hier geht es bei Gastwirt Schröder meist in den ersten Märztagen „rund“.

Glücksspiel ums Hefegebäck mit Bockbieranstich

Am Langen Königsberg 4 in der „Bliesemannschen Herberge“ – später „Bergquelle“ – wird zu einem solchen Ereignis auch gleich Gambrinus-Bier ausgeschenkt. Außerdem wird am 28. Februar 1905 die Sperrstunde aufgehoben. Auch in den nicht mehr existierenden Häusern „Gasthof am See“, Elisabethstraße 17, und im „Gasthof Braasch“, Lübecker Straße 33, gibt es Heiße Wecken, doch im Unterschied zu den anderen Lokalitäten werden sie dort nicht nur verspielt, sondern auch verkegelt. Die Schwestern Braasch, die das Lokal nach dem Todes des Vaters weiterführen, starten im Jahr 1920 nochmals den Versuch, damit Gäste ins Haus zu locken, es ist aber wohl nicht erfolgreich, denn es bleibt ein einmaliges Unterfangen. Ebenfalls in der „Bierquelle“, die später „Kaiserhof“ und nach der Revolution dann „Bürgerhof“ heißt, in der Lübecker Straße 32 gibt es unter Christian Schäfer Glücksspiel um das Hefegebäck. Der Ausspann Weidestraße 2, „Stadt Lübeck“, verbindet das Spiel mit einem Bockbieranstich.

Auch in der „Stumpfen Ecke“ gibt es den süßen Kuchen

Am Marktplatz gibt es gleich drei Möglichkeiten, sich zu amüsieren. Im heutigen Brauhaus, Markt 11, ab 1848 als „Stadt Kiel“ bekannt, gibt es zum Spiel auch Tanzmusik. Gastwirt Walter Knickrehm, der 1919 seine Gaststätte, Markt 14, aufgibt und „Stadt Altona“ zum „Konsum“ umgebaut wird, lässt zwischen 1907 und 1914 ebenfalls regelmäßig die süßen Kuchen verspielen. Auch die jüngst neu belebte Gaststätte am Markt 18, die „Stumpfe Ecke“, vertreibt unter Wirt Friedrich Langer, nicht nur „Lütjenburger Kümmel“ und „Harzer Kräutertrank“, sondern auch das beliebte Kuchenbrot. Allerdings pflegen weder seine Vorgänger noch sein Nachfolger Otto Buchholz diese Tradition.

Aktionen auch in den Gaststätten im Umland

Doch auch die Ortschaften rund um Eutin bieten Zerstreuung dieser Art. Auf dem Weg nach Fissau kann man zunächst im „Gasthaus Fissaubrück“ einkehren, im Gasthaus „Fünf-Linden“ werden Heiße Wecken im Jahr 1880 sogar verschossen, und im „Fissauer Krug“, heute Gasthof Wittenburg, wird zwischen 1884 und 1911 nahezu jährlich zum Verspielen von Heißen Wecken eingeladen. Auch im „Bretterkrug“, ab 1907 „Mariental“ genannt, der 13. Juli 1941 einem Großbrand zum Opfer gefallen ist, bietet das Spiel ums Gebäck, ebenso wie der Redderkrug, der Sandfeldkrug, die Gaststätte Gustävel in Sibbersdorf und das Gasthaus Kellersee in Sielbeck. In Neudorf finden diese Veranstaltungen in der alteingesessenen Gaststätte „Puschaddel“, die 1911 den Namen wechselt und nun „Gaststätte Moser“ heißt, statt.

Ein Rätsel, welche Spiele in Eutin genau gespielt wurden

Man erfährt nichts über die Frage, ob Heiße Wecken auch im „Gasthaus zum Uklei“ oder auch im ehrwürdigen Voss-Haus, verspielt werden. „Vielleicht ist dieses Amüsement Wirtleuten wie Holzbach oder der Familie Janus aber auch nicht vornehm genug. Übrigens ist bisher nicht überliefert, welche Spiele genau zur Heiße-Wecken-Vergabe in Eutin gespielt worden sind. Es ist davon auszugehen, dass meist eher einfache Würfelspiele vertreten waren. Andere Spiele, die nachweislich in Eutin gespielt worden sind, heißen „Rakado“ (Würfelbrettspiel), „Poch“ (Vorläufer des Pokerspiels) und das englische Kartenspiel „Whist“.

 

Die Gaststätte „Zum Strumpfen Eck“ am Marktplatz hat eine lange Historie. Nach dem „Kochlöffel“ hat Nachbar Achim Lembke vom Restaurant „Markt 17“ dort im November 2020 den Betrieb unter altem Namen wiedereröffnet. (Foto: Archiv Jepp)

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