Rettberg war Kriegsverbrecher: Kaserne in Eutin wird umbenannt

In der Garnisonsstadt Eutin muss man sich an einen neuen Namen gewöhnen: Die Rettberg-Kaserne wird umbenannt. Wie der Kommandeur des hier stationierten Aufklärungsbataillons 6 „Holstein“, Oberstleutnant Tobias Aust, mitgeteilt, sind durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse Zweifel an der Traditionswürdigkeit des bisherigen Namensgebers aufgekommen. Neuer Namenspatron wird der allererste Kommandeur der Eutiner Aufklärer, Oberst a. D. Werner Herrmann (1917-2002).

Kritik an Namenspatron wurde im Frühsommer 2019 laut

Jakob Knab von der „Initiative gegen falsche Glorie“ hatte sich im Frühsommer 2019 mit einer Eingabe an den Standortältesten gewandt und eine Umbenennung der Kaserne gefordert. Nicht nur die Erkenntnisse der Initiative, sondern auch ein internes Gutachten der Bundeswehr belegen, dass Karl von Rettberg (1865-1944) Gräueltaten im Ersten Weltkrieg zu verantworten hat. Unter dem Kommando von Rettberg wurden am 25. und 26. August 1914 von dessen Bataillon in den belgischen Ortschaften Herent und Leuven Häuser abgebrannt und Zivilisten erschossen. Rettberg habe mehrfacher Weise gegen Bestimmungen des damals geltenden Kriegsvölkerrechts verstoßen, heißt es in dem Gutachten.

Kaserne wird in Kürze nach früherem Kommandeur benannt

„Es ist vollkommen klar, dass nur traditionswürdig und sinnstiftend sein kann, wer nicht verbrecherisch oder menschenverachtend gehandelt hat“, hatte Kommandeur Aust schon im vergangenen Jahr erklärt. Und weiter: „Nach meinem Verständnis muss Tradition beides können, Freiheit und Demokratie, gleichzeitig aber auch eine glaubwürdige Identität für uns als kämpfende Truppen schaffen.“ Mit Oberst Herrmann wurde nun eine prägende Figur gefunden, die die Soldaten auch tatsächlich als Vorbild nehmen können. Schon im Alter von 19 Jahren begann seine militärische Laufbahn. Als Chef einer Aufklärungstruppe erlebte er den Krieg in Frankreich und Russland, wobei er zweimal schwere Verwundungen erlitt.

Herrmann gilt als Mann der ersten Stunde bei der Bundeswehr

Am 2. Mai 1956 war Herrmann ein Mann der ersten Stunde in der neu gegründeten Bundeswehr. Unter seinem Kommando zog das Panzeraufklärungsbataillon 6 im Jahr 1961 in die Rettberg-Kaserne ein. Die Bevölkerung begrüßte die jungen Bundeswehrsoldaten so herzlich, dass es den Kommandeur nachhaltig beeindruckte: Nach seiner Pensionierung wurde Herrmann mit seiner Ehefrau in Eutin sesshaft, obwohl er schon 1962 wieder in einen anderen Standort versetzt worden war. Obwohl seit 1978 im Ruhestand, hielt Herrmann bis ins hohe Alter den Kontakt zu „seinen Soldaten“ und engagierte er sich in den Traditionsverbänden des Bataillons. In einem bundeswehrinternen Meinungsbildungsprozess haben sich alle Eutiner Truppenteile für die Bezeichnung „Oberst-Herrmann-Kaserne“ ausgesprochen.

 

(Foto: LN/Peyronnet)

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2 Antworten auf &‌#8222;Rettberg war Kriegsverbrecher: Kaserne in Eutin wird umbenannt&‌#8220;

  1. Rolf Postel sagt:

    Das Bundesverteidigungsministerium – R I 1 – schreibt am 17.05.2021 11:27 zur Umbenennung der
    Rettberg-Kaserne in Eutin: „Dies bedeutet, dass die Umbenennung deswegen notwendig wurde,
    weil mit dem bisherigen Namensgeber kein wertegebundenes, bis heute sinnstiftendes Verhalten
    gegeben ist. Die Umbenennung bedeutet nicht, dass der bisherige Namensgeber von der Bundeswehr als Kriegsverbrecher angesehen wird. Vielmehr kann aufgrund der Aktenlage eine Verstrickung in Kriegsverbrechen nicht ausgeschlossen werden. Ziel der Umbenennung jedoch ist vor allem, einen Namensgeber zu finden, der sinnstiftend für die heutige Bundeswehr wirkt, was mit der Wahl des neuen Namensgebers der Fall ist.“ Es ist schon abenteuerlich, dass von dem I. Weltkriegs-Kommandeur von einem Kriegsverbrecher gesprochen / geschrieben wird und es dafür keine Belege gibt. Mit Vermutungen / Behauptungen sollte man so nicht umgehen.
    In den Archiven ist der damalige Major von Rettberg von seinen Soldaten als besonders verantwortungsvoll bezeichnet worden, der seiner Fürsorgeverpflichtung gegenüber den ihm
    anvertrauten Soldaten zum Schutz von Leib und Leben etc. gerecht geworden ist. Sinnstiftend ist es nicht, wenn eine Kaserne umbenannt wird und diese Namensänderung mit Vermutungen belegt ist. Aktenlage und Lebenswirklichkeit sind stets in Abwägung aufzuführen, neuester Stand der Geschichtsforschung ist zu berücksichtigen. Negatives Beispiel für die ungerechtfertigte Umbenenung ist die Rüdel-Kaserne in Rendsburg. Die aufgestellten Behauptungen mussten dort auch zurückgenommen werden.

  2. Löhr Horst sagt:

    Eutiner Festspiele besuchen meine Frau und ich seit 1959 in Rettberg Kaserne habe ich unter Major Herrmann bis 1962 gedient.

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