„Keine existenzielle Bedrohung“: Eutiner Festspiele freuen sich über Solidarität

Die Absage der Saison 2020 ist einer der bittersten Momente in der 69-jährigen Geschichte der Eutiner Festspiele. Und dennoch sind die Verantwortlichen guten Mutes: „Das finanzielle Ausmaß ist zwar groß, bedeutet aber keine existenzielle Bedrohung für die Festspiele“, betont Geschäftsführer Falk Herzog. „Wir hatten zuletzt zwei gute Jahre, und es deutet sich an, dass wir die Fördermittel von Land, Kreis und Stadt nicht zurückzahlen müssen.“ Mehr noch: Es gebe Signale seitens der Landesregierung, dass der zu erwartende Verlust in Höhe von 600 000 Euro ausgeglichen werde.

Viele Kosten für die Saison 2020 sind bereits entstanden

Vor drei Wochen haben die Festspiele das Szenario des Saisonabbruchs bereits konkretisiert. „Über allem steht unsere Verantwortung gegenüber dem Publikum sowie den Mitarbeitern und Künstlern. Die erforderlichen Abstandsregeln sind weder auf der Tribüne noch auf der Bühne oder hinter den Kulissen zu gewährleisten“, so Herzog. Nun wurde die Reißleine zumindest so früh gezogen, dass die richtig hohen Ausgaben für Bühnenaufbau, Tribüneninstandsetzung oder das Ensemble gar nicht erst entstehen. Fixkosten für Opernscheune und Mitarbeiter, Ausgaben für Planung, Kulissenbau und Kostüme sowie einen Teil der Regieleistung sind aber bereits angefallen. „Wir sind in guten Gesprächen mit dem Land, das nicht-öffentliche, aber institutionell geförderte Kultureinrichtungen so unterstützen will, dass diese nicht in Schieflage geraten“, so Herzog.

„Wir erfahren gerade eine Welle der Sympathie“

Nun wird die Spielzeit 2020, für die der Kartenvorverkauf auf Rekordkurs lag, abgewickelt. Tickets werden erstattet und können über die jeweilige Vorverkaufsstelle zurückgegeben werden, online ist ein unkompliziertes Formular zu finden. Den Festspiel-Machern wäre natürlich lieber, dass viele Kartenbesitzer sich dafür entscheiden, ihr Ticket gegen einen Gutschein einzutauschen oder das Eintrittsgeld zu spenden. Aus bisherigen Gesprächen kann Ulrike Horstmann, die Leiterin der Kartenzentrale, eine ermutigende Zwischenbilanz ziehen: „Wir erfahren gerade eine Welle der Sympathie. Unsere Kunden bedauern die Absage, aber äußern sehr große Solidarität, wünschen uns Glück und zeigen eine Spendenbereitschaft, die vielfach noch über den Ticketpreis hinaus geht. Weniger als 20 Prozent haben bisher die Rückerstattung beantragt.“ Auch der Chef des Festspiel-Fördervereins, Detlev Küfe, ist von dieser Resonanz beeindruckt: „Gerade jetzt gilt es, zu den Eutiner Festspielen zu stehen und sie nachhaltig zu unterstützen!“

Suche nach Lösung für Musiker und Darsteller

Zu den besonders Leidtragenden zählen die Künstler. Sie stünden jetzt vor existenziellen Sorgen, weil die Schutzmaßnahmen vor dem Coronavirus einem Berufsverbot gleich kämen, sagt Produktionsleiterin Anna-Luise Hoffmann. „Im Theater hieße der übliche Weg: Keine Vorstellung, kein Geld. Aber wir versuchen alles, damit wir für Musiker und Darsteller eine vernünftige Lösung hinbekommen“, betont Herzog. Vielleicht zahle es sich jetzt aus, dass die Festspiele in den vergangenen Jahren konsequent darauf gedrungen haben, die Ensemblemitglieder sozialversicherungspflichtig einzustellen.

Neue Produktionen für 2021 – aktuelle Stücke kommen vielleicht 2022

Weil auch für 2021 schon Verträge mit Verlagen abgeschlossen wurden, steht im nächsten Jahr ein anderes Programm auf dem Plan: die vor 200 Jahren uraufgeführte Weber-Oper „Der Freischütz“ und das Broadway-Musical „West Side Story“ – und diese Stücke sollen keine Allerwelts-Produktionen werden. „Wir arbeiten daran, ob man ,Madame Butterfly‘ und ,Ein Käfig voller Narren‘ aufs Jahr 2022 übertragen kann. Die Vorarbeiten sollen jedenfalls nicht für den Container gewesen sein“, so Falk Herzog. vg

Weitere Infos auf  www.eutiner-festspiele.de

 

Die Tribüne in Eutin bleibt dieses Jahr leer: Die Festspiel-Gesellschafter Falk Herzog (links) und Joachim Scheele sowie Produktionsleiterin Anna-Luise Hoffmann denken jetzt an die Saison 2021. (Foto: Graap)

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