Sechs Kerzen für sechs Millionen Tote

Holocaust-Gedenkfeier im Timmendorfer Ostsee-Gymnasium

Zur Einstimmung auf die Holocaust-Gedenkfeier am vergangenen Donnerstag sang Pastor Volker Schauer jiddische Lieder in der voll besetzten Aula des Ostsee-Gymnasiums. Bevor dann Eva Szepesi aus ihrem Buch „Ein Mädchen allein auf der Flucht“ vorlesen konnte, standen noch kurze Reden an. Bürgervorsteherin Anja Evers dankte den Organisatoren und Schulleiterin Dr. Cordula Braun zollte der Referentin Respekt für das anspruchsvolle Programm, dass diese trotz ihres hohen Alters absolvierte. Immerhin stand nach dem Termin in der Schule auch noch eine Abendveranstaltung in der Trinkurhalle an.

Zur Einführung in die Veranstaltung sprach dann die Koordinatorin des Holocaustgedenktages Andrea Finke-Schaak. Sie erläuterte, dass der Termin in Timmendorfer Strand einen Monat nach dem offiziellen Gedenktag stattfinden würde, da Eva Szepesi auch an der offiziellen Veranstaltung in Auschwitz teilgenommen hätte. „Frau Szepesi ist eines der vierhundert Kinder, die Auschwitz überlebt haben“, stellte die Geschichtslehrerin den Ehrengast des Nachmittags vor.

Bevor die etwa einstündige Lesung begann, sprachen aber noch Schülerinnen darüber, dass ihnen bewusst sei, dass es bald keine Zeitzeugen mehr geben werde. Und dass Diskriminierung und Ausgrenzung auch in der heutigen Welt noch gäbe. Dann entzündeten sechs Schülerinnen, die an der Auschwitzfahrt der Schule teilgenommen hatten, symbolisch sechs Kerzen für die sechs Millionen getöteten Juden.

Auschwitz-Überlebende Eva Szepesi erzählt von ihren Erlebnissen

Nach einer Schweigeminute begann dann der Vortrag von Eva Szepesi. Sie berichtete von einer bis zum sechsten Lebensjahr glücklichen Kindheit in Budapest. Dann sei es losgegangen mit der Ausgrenzung, sie hätte nicht mehr Bus fahren dürfen, nicht mehr zum Schlittschuhlaufen oder ins Kino.

Als es schlimmer wurde, begann die Flucht: Mit falschen Papieren über die Grenze in die Slowakei, ohne den vorgeschriebenen Stern zu tragen. Eva Szepesi berichtete, wie sie dort in verschiedenen Familien gelebt habe, wie dann irgendwann drei Uniformierte im Wohnzimmer gestanden hätten, von der Fahrt im stickigen Eisenbahnwaggon nach Auschwitz. Wie ihr die geliebten Zöpfe abgeschnitten und auf einen großen Haufen mit Haaren geworfen wurden. Und sie die Jacke, die ihre Mutter für sie gestrickt hatte, gegen gestreifte Sträflingskleidung tauschen musste.

Vom Schmerz, als ihr die Nummer auf den Arm tätowiert wurde und wie sie Ziegel und Steine schleppen oder Munition mit einem Tuch säubern musste. Nach der Befreiung haben Onkel und Tante sie zu sich genommen. Eva Szepesi war damals zwölf Jahre alt. Ihre Familie hat sie nie wiedergesehen.

Nach der einstündigen Lesung hatten die Schüler viele Fragen. Eine drehte sich um Vergebung. „Ihr seid die dritte oder vierte Generation, ihr könnt nichts dafür, was damals passiert ist“, sagte Eva Szepesi zu den Schülern. Aber sie könnten etwas für das, was noch passieren könnte.  Sie forderte die Schüler auf, Ungerechtigkeiten entgegenzutreten. Angefangen beim Mobbing auf dem Schulhof.

Sechs Kerzen für sechs Millionen tote Menschen: Geschichtslehrerin Andrea Finke-Schaak, die Auschwitz-Überlebende Eva Szepesi und Pastor Volker Schauer mit Schülerinnen auf der Gedenkveranstaltung im Ostsee-Gymnasium. Foto: Helge Normann

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