Geburtshaus besteht 20 Jahre

Frauen können dort selbstbestimmt mit Eins-zu-eins-Betreuung gebären

Seit 20 Jahren gibt es das Geburtshaus an der Ratzeburger Allee, trotz der immer wieder problematischen Lage für Hebammen. Leopold scheint sich wie zu Hause zu fühlen. Das Baby wurde vor vier Monaten im Geburtshaus an der Ratzeburger Allee geboren – eine Entscheidung, die seine Mutter Antonia Gnoerrlich bewusst gefällt hat: „Für mich hat schwanger sein nichts mit Krankenhaus zu tun.“ Das Geburtshaus hatte sie wegen der Eins-zu-eins-Betreuung durch ihre Hebamme gewählt. „Hier habe ich ein sicheres Gefühl.“ Doch das sei individuell unterschiedlich, betont die 32-Jährige. Für andere Schwangere könne gerade die Kreißsaal-Umgebung mit den entsprechenden Geräten vertrauenseinflößend sein.

Viele Hebammen haben aufgegeben

So sehen es auch die Hebammen Birgitt Welsch und Michaela Clasen. Ihnen ist wichtig, dass werdende Mütter die Möglichkeit der Entscheidung haben. Sie freuen sich, dass ihre Hebammenpraxis mit Geburtshaus „trotz allem“ bereits seit zwanzig Jahren in Lübeck besteht. Die steigende Haftpflichtprämie ist nur eine der zunehmenden Belastungen für ihren Berufsstand. Welsch: „Wir arbeiten hier in der Stadt noch relativ viel, auf dem Land haben schon viele Hebammen aufgegeben.“ Was angesichts schließender Entbindungsstationen aufgrund fehlender Kostendeckung die Lage für zahlreiche Familien verschärft.

Beide Hebammen legen großen Wert darauf, dass es in ihrer Praxis nicht nur um die Geburt geht. Bereits bei Vorbereitungskursen lernten sich die Familien kennen und tauschten sich untereinander aus. Auch im Wochenbett wird die Betreuung fortgesetzt; Rückbildung, Stillgruppen und andere Kurse werden angeboten. Bindungen entstünden nicht nur zwischen den Hebammen und den Familien, sondern auch unter den Eltern und Angehörigen. Eine Mutter habe kürzlich noch einmal den Raum sehen wollen, in dem sie vor zwanzig Jahren ihren Sohn entbunden hatte und gesagt: „Es fühlt sich an wie nach Hause kommen.“

Antonia Gnoerrlich ist fünffache Mutter. Nachdem sie ihr erstes Kind im Krankenhaus entbunden hatte, kam es ihr bei der Wahl des Geburtsortes nicht auf die Umgebung an, sondern auf die Eins-zu-eins-Betreuung während der Entbindung, ohne Personalwechsel. Dadurch, berichtet sie, habe sie sich Zeit nehmen können, im eigenen Tempo zu gebären, ohne dass etwas forciert wurde. Am aktuellen System kritisiert sie die zugrundeliegende Einstellung zu Schwangerschaft und Geburt: „Das ,guter Hoffnung sein’ fehlt mir.“ Eines ihrer Kinder kam zu Hause auf die Welt, die anderen drei Im Geburtshaus, das ihrer Familie inzwischen sehr vertraut sei.

Kein Einschreiten in normal verlaufende Geburt

Die Schwangere als Patientin – darin sehen die Hebammen einen Widerspruch, solange die Mutter gesund ist und es dem Kind gut geht. Im Geburtshaus wird möglichst nicht in den Geburtsverlauf eingegriffen. In der Regel, so Clasen, wisse die Mutter intuitiv, welche Position sie einzunehmen habe. „Unsere Sicht ist: Was kann die Familie alleine?“, so Birgitt Welsch und Michaela Clasen ergänzt: „Der Begriff entbunden werden ist eine passive Haltung.“ Entbinden sei jedoch ein aktiver Prozess: „Man will an das Ziel.“ Wenn die Geburt nicht voranschreite, eine Frau erschöpft sei oder Schmerzmittel benötige, werde sie in die Klinik gebracht: „Wir stehen in gutem Kontakt mit den Krankenhäusern.“

Es bleibe die Krux, berichten die Hebammen, dass eine gute Betreuung Zeit und Aufwand erfordere und daher Geld koste, die steigende Arbeitsbelastung allerdings nicht angemessen vergütet werde. Ein Blick nach Skandinavien und in die Niederlande zeige, wie es besser ginge, auch in Bezug auf die Pflege, mahnt Clasen: „Es sind die Übergänge in das Leben und aus dem Leben, die in unserer Gesellschaft zu gering geschätzt werden.“ Das schlage sich auch bei der Bezahlung nieder. Wie bei der Rufbereitschaft der Hebammen. Übers Wochenende wegfahren, ein Gläschen Rotwein am Abend – das ist dann nicht drin, betont Michaela Clasen, denn jederzeit könne der Anruf kommen, dass die Wehen einsetzen. Wie im September vergangenen Jahres. Ihr Ehemann hatte Geburtstag, also ging es ins Theater – zunächst. „Doch dann kam Leopold“, sagt die Hebamme. Und lacht.

Die Hebammen Michaela Clasen (v. l.), Birgitt Welsch mit Leopold und die fünffache Mutter Antonia Gnoerrlich mit Sohn Richard im Geburtszimmer. Foto: Margitta True

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