Kommerz vor Kunst? Schriller Abschied von Anja Es aus Timmendorf

Die Stühle reichten kaum aus, um all die schwarzgekleideten „Trauergäste“ aufzunehmen, die der Einladung von Anja Es gefolgt waren, die Kunst in Timmendorfer Strand zu Grabe zu tragen. Am 1. Februar gab die Künstlerin in der historischen Trinkkurhalle, die fast neun Jahre lang Galerie war, ihre Abschiedsvorstellung.

Viele Menschen hätten das Besondere geliebt

Erste Rednerin des langen Nachmittags war die bekannte Timmendorferin Gisela Steinhardt. Sie erinnerte daran, dass die Trinkkurhalle ein Anziehungspunkt für viele Menschen gewesen sei, die das Besondere lieben. Sie fragte dann rhetorisch nach dem „Warum“ für das Aus. Man wisse es nicht, sagte Gisela Steinhardt und zitierte den Spruch von den Veranstaltungsplakaten, von denen auf dem Event kolportiert wurde, sie hätten nicht in den öffentlichen Schaukästen ausgehängt werden dürfen: „Die Wege der Herren sind unergründlich.“ Wer mit „den Herren“ gemeint war, musste sich das Publikum selbst zusammenreimen: „Sind es die Eitelkeiten der Prince Charmings, Sonnenkönige und Götter? Ist es die Eifersucht kunstferner Damen, die sich so gerne einen Spritzer Kunst hinter die Ohrläppchen tupfen würden, aber partout den Zugang nicht finden?“, gab die Rednerin einige Hinweise.

Galeristin kam 2011 nach Timmendorfer Strand

Trinkkurhallen-Pächterin Anja Es erzählte im Anschluss, wie sie 2011 in Timmendorfer Strand angekommen war. Wie sie immer wieder für Neujahrsempfänge und Sportveranstaltungen ihre Sachen herausräumen musste. Und gebetet habe, dass nichts kaputtgehe. Weil, und das sei ein Zitat der Gemeinde, sagte die Galeristin, „es eine nicht zu ermittelnde Anzahl von Personen gibt, die einen Schlüssel zur Galerie haben“. Dafür sei die Pacht okay gewesen, und sie hatte die Möglichkeit, die Trinkkurhalle mit Kunst zu erfüllen, wofür sie allen Unterstützern dankte.

„Am Ende hat aber wohl doch der Kommerz gewonnen“

„Am Ende hat aber wohl doch der Kommerz gewonnen“, so Anja Es. „Das Konzept der Gemeinde für die weitere Nutzung hat sich mir allerdings noch nicht so richtig erschlossen. Wir dürfen gespannt sein.“ Wie sie sich das vorstellt, hat sie auf der Veranstaltung angedeutet: Über dem Tresen hingen Schilder mit der Aufschrift „Und DAS finden Sie zukünftig in der Trinkkurhalle“. Daneben hatte sie typische Souvenirartikel wie Postkarten, Badewannenenten und eine Box für Hundekottüten mit Seepferdchen-Logo gehängt.

Auch Bürgermeister Wagner bekommt sein Fett weg

Am Ende gab es dann doch noch einen Hinweis, wen die Galeristin für den Auszug der Kunst aus der Trinkkurhalle in der Verantwortung sieht: Auf einem Tischchen neben dem Tresen, wo normalerweise gesammelte Zeitungsartikel über die Ausstellungen zum Durchblättern ausgelegt werden, lagen ganz obenauf kritische Berichte über Bürgermeister Robert Wagner und den geplanten Gosch-Neubau. „Wie ich in der Zeitung gelesen habe, könnte es ja auch sein, dass das Bürgermeisteramt in seiner jetzigen Form bald ebenfalls beerdigt wird“, frotzelte Anja Es recht süffisant – was für viel Applaus im Publikum sorgte. HN

 

„Am Ende hat aber wohl doch der Kommerz gewonnen“, sagte Galeristin Anja Es am Wochenende bei ihrer „Trauerrede“ zum Auszug aus der Trinkkurhalle. (Foto: Helge Normann)

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