Wohnungsnot ja oder nein? Unterschiedliche Einschätzungen in Eutin

Es war kein Wohnungsbau-Gipfel, sondern ein informelles Fachgespräch, zu dem sich die Spitzen der hiesigen Wohnungswirtschaft mit Andreas Breitner, Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen, am Montag im Eutiner Rathaus trafen. In dem Verband sind 378 kommunale Unternehmen und Genossenschaften organisiert, die zusammen 738?000 Wohnungen für 1,5 Millionen Menschen zur Verfügung stellen. Im Mittelpunkt des Treffens stand der Austausch über die aktuelle Lage auf dem Wohnungsmarkt und über die künftige städtebauliche Entwicklung der Stadt.

„Wer eine Wohnung sucht, bekommt auch ein Dach überm Kopf“

Dabei stellte Breitner schon zu Beginn klar: „Es gibt keine Wohnungsnot, die haben wir in den 50er-Jahren gehabt. Aber wegen der hohen Nachfrage gibt es enge Wohnungsmärkte.“ Wer eine Wohnung sucht, werde auch ein Dach überm Kopf bekommen. Dennoch sieht Breitner weiteren Bedarf sowohl für Menschen mit geringem Einkommen als auch für Bürger mit mittleren und höheren Einkommen. „Wer älter wird, den zieht es vom Umland zurück in die Stadt, ran an die Infrastruktur. Man gibt das Eigenheim auf und tauscht es mit einer Innenstadtwohnung. Denen ein Angebot zu schaffen, ist nicht leicht“, so Breitner. Er lobte daher auch das Projekt von LMK, einen Teil des Kaufhauses in Wohnungen umzuwandeln.

Im Gründerviertel sollen weitere Bauprojekte umgesetzt werden

Fabian Weist, Geschäftsführer Wohnungsbaugesellschaft Ostholstein, nannte für das Engagement seines Unternehmens das 2019 fertiggestellte Bauprojekt in der Seestraße, wo 30 Wohnungen entstanden seien, davon neun Sozialwohnungen. „Im Gründerviertel werden wir weitermachen, öffentlich geförderte Wohnungen sowie Wohnungen für die Mitte, aber auch im freifinanzierten Bereich zu schaffen“, so Weist. In Scharbeutz sei es der Wobau gelungen, durch einen Baukostenzuschuss der Gemeinde sozialen Wohnungsbau zu verwirklichen.

Viele Investitionen in die Modernisierung des Bestandes

Für seinen Kollegen Dr. Ulrik Schlenz, Vorstand der Wankendorfer Baugenossenschaft, stehe ein Neubau in Eutin nicht im Fokus: „Wir haben in den vergangenen Jahren 17 Millionen Euro in die Modernisierung des Wohnungsbestandes investiert. Es kommt eben auch darauf an, den Bestand ordentlich in die Zukunft zu führen.“

Widerspruch von Kirchenkreis-Beratern: Not ist doch spürbar

Der Kirchenkreis Ostholstein widerspricht der Einschätzung seitens des Verbands der Wohnungsunternehmer, wonach in Eutin nicht von Wohnungsnot die Rede sein könne. „Im unteren Preissegment, in dem die Interessenten auf Mietpreise bis 5,50 Euro Kaltmiete inklusive Nebenkosten pro Quadratmeter angewiesen sind, ist kaum eine Wohnung zu finden“, sagt Expertin Kirsten Ullrich vom Team Wohnen. „Viele Menschen befinden sich hier in einer wirklichen Notlage.“ Sie erhalte Hilfe-Anfragen nicht nur von Geflüchteten, sondern vermehrt auch von Familien mit vielen Kindern, von Alleinerziehenden, Berufseinsteigern oder Rentnern mit geringem Einkommen. „Für diese Menschen gibt es praktisch keine Lobby.“

 

Besprachen das Thema Wohnen im Rathaus (von links): Dr. Ulrik Schlenz (Wankendorfer), Bürgermeister Carsten Behnk, Andreas Breitner und Christoph Kostka vom Verband sowie Fabian Weist (WoBau OH). (Foto: Graap)

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