„Ich liebe Weihnachten“: Interview mit Hörspielkönigin Heikedine Körting

Auf dem Gut Hasselburg in Ostholstein lebt Deutschlands Märchen- oder besser Hörspielkönigin Heikedine Körting. Die in Lübeck aufgewachsene 74-Jährige, die seit Anfang der 70er-Jahre LPs, Kassetten und CDs produziert, ist zurzeit wegen des 40. Jubiläums der erfolgreichsten Hörspielserie der Welt – „Die drei ???“ – eine sehr gefragte Interviewpartnerin. Der Wochenspiegel hat mit ihr jedoch über ein anderes Ereignis gesprochen, auf das sie sich immer wieder das ganze Jahr freut: Weihnachten.

Als Hörspielmacherin fängt für Sie Weihnachten sicher oft schon im Sommer an, wenn die weihnachtlichen Geschichten produziert werden müssen …
Oh ja, das ist nicht viel anders als bei den Schokoladenweihnachtsmännern. Die Vorbereitungen beginnen eigentlich schon vor Ostern. Das Produkt müssen wir allerspätestens Anfang September fertig haben, denn bis zur Veröffentlichung dauert es noch einmal ungefähr sechs Wochen. Meine Freude aufs Fest trübt das aber keineswegs.

Was war Ihre schönste Weihnachtsproduktion?
Da gibt es natürlich die vielen Märchen wie zum Beispiel „Hänsel und Gretel“. Aber die eindrucksvollste Produktion war für mich „Der klingende Adventskalender“, den mein verstorbener Ehemann Andreas Beurmann quasi erfunden hat: Auf dem Cover der LP waren 24 Türchen, hinter denen sich kleine Bildchen verbargen. Und auf der Platte befanden sich 24 Kinderlieder, Geschichten und Gedichte rund ums Weihnachtsfest, gelesen von großen Schauspielern wie Will Quadflieg oder Hans Paetsch. Das war 1972 mit eine meiner ersten Produktionen und damals noch sehr aufregend. Dass ich einmal mehr als 3000 Hörspiele machen würde, hätte ich im Leben nicht gedacht.

Was ist Ihre früheste Erinnerung an Weihnachten?
Das weiß ich sogar noch sehr genau, da war ich vielleicht vier Jahre alt: Meine Eltern waren im Lübecker Yacht-Club, und die Kinder der Mitglieder haben bei Niederegger „Heinzelmännchens Wachtparade“ aufgeführt – alle mit kleinen roten Mützchen. Danach kam der Weihnachtsmann, wir mussten noch ein Gedicht aufsagen und durften dann in den großen Sack greifen. Dabei guckte ich auf die Schuhe vom Nikolaus und dachte noch: Komisch, die sehen aus wie die Stiefel von meinem Papa.

Wie haben Sie das Fest in Ihrer Kindheit in Lübeck erlebt?
Es war ein ganz tolles, festliches Gefühl. Ich erinnere mich an herrlich beleuchtete Straßen, die schön dekorierten Schaufenster von Karstadt, ein Weihnachtskarussell mit Pferdchen, an Zuckerwatte und Liebesäpfel. Mit Heiligabend verbinde ich Schneeflocken, Leierkastenmusik und das Glockengeläut der vielen Kirchen. Wir wohnten im Tor der Hoffnung und hatten einen Panoramablick auf die Altstadt und die sieben Kirchtürme.Wir waren schon immer eine richtige Feier-Familie. Das lag insbesondere an meinem Vater, der es verstand, aus jedem Fest etwas Besonderes zu machen – ob man nun finanzielle Mittel hatte oder nicht. Geschenke wurden schon übers Jahr gesammelt. Dazu hatten wir eine Weihnachtskiste, in der man das verstaute, was man bereits Schönes gefunden hatte. Der Baum wurde mit allem Flitter und Flatter, mit Lametta, Äpfeln, Schokokringeln und Kugeln geschmückt.
An der Spitze prangte immer ein gold-silberner Stern, von dem gedrehte Goldfäden nach unten hingen. Heiligabend gingen wir nachmittags in die Thomaskirche im Stadtteil Marli. Danach gab‘s die Bescherung und als Weihnachtsessen Würstchen mit Kartoffelsalat. Um 23 Uhr sind wir noch in den Mitternachtsgottesdienst in der Marienkirche gegangen. Und zu Hause gab es den schönen Abschluss zur Mitternacht mit kleinen Leckereien – Toast mit Kaviar, Leberpastete und Bündnerfleisch.

Was war Ihr schönstes Weihnachtsgeschenk?
Mein Fahrrad war für mich das wichtigste Geschenk. Vor Weihnachten habe ich manchmal geguckt, wo was versteckt ist und das eine oder andere Päckchen auch mal aufgemacht. Ich wollte lieber vorher wissen, was ich kriege, damit ich nicht so enttäuscht bin, wenn es nicht das ist, was ich mir wünschte. Ich hatte mich schon darauf gefasst gemacht, dass ich das ersehnte Rad nicht bekomme. Als das silberblaue Fahrrad dann doch vom Weihnachtsmann in die Stube gerollt wurde, war das für mich spektakulär.

Und wie feiern Sie auf Gut Hasselburg?
Die Gutsanlage hatten wir 1978 übernommen und 1979 hier unser erstes Weihnachtsfest gefeiert – mit einem sieben Meter hohen Tannenbaum in der Eingangshalle, die wir als Wohndiele nutzen. Wir hatten zwar keine eigenen Kinder, aber wir haben immer mit meinen Geschwistern, Nichten und Neffen gefeiert. Dann ist die ganze Familie zwei, drei Tage zusammen und Heiligabend wird mit Weihnachtsmann, Weihnachtsmützen, Liedern und Musik gefeiert. Erst danach ist Bescherung – und zum Abschluss gibt’s den kleinen, feinen, edlen Mitternachtssnack – das hat Tradition. In den vergangenen Jahren haben wir das große Familientreffen aber auch schon mal ausgesetzt und Ostern nachgeholt. Denn wenn aus Kindern Teenager werden, wollen sie sich an den Feiertagen auch mal mit Freunden treffen und nicht drei Tage auf dem Land verbringen.

Übrigens: Gerade hat Heikedine Körting ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk in Empfang genommen. Während der „Drei ???“- Live-Tour in München wurde ihr die Goldene Schallplatte für das 200. „Drei ???“- Hörspiel „Feuriges Auge“ überreicht. Innerhalb kurzer Zeit hat sich die spannende Produktion aus dem Hause „Europa“ über 100 000 Mal verkauft. vg

INFO: Hörspiele von „Europa“ haben Kultstatus
Der Musikwissenschaftler Andreas Beurmann (1928-2016) erfand das Hörspiellabel „Europa“ 1966. Die Kinderserie mit Abenteuer- und Märchenhörspielen ist legendär. Heikedine Körting, die den Produzenten 1979 heiratete, arbeitet seit 1969 für „Europa“. Von ihren ersten Hörspielfassungen der Andersen-Märchen „Die Schneekönigin“ und „Die kleine Seejungfrau“ war Beurmann so begeistert, dass er ihr bald auch den ersten Produktionsauftrag übergab. 1973 übernahm sie alle Regie- und Drehbucharbeiten für „Europa“ – das Hörspiel „Das Gespensterschiff“ war ihre erste vollständig eigene Schöpfung. 1985 wurde Heikedine Körting im Guinness-Buch der Rekorde als Deutschlands erfolgreichste „Märchentante“ eingetragen. Das Tonstudio, in dem sie immer noch an den Reglern sitzt, befindet sich in einer Villa am Hamburger Rothenbaum.

(Foto: Graap)

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