Der neue Trend zum Kleingarten

Leerstände und Mitgliederschwund sind überwunden, so der Chef des Kreisverbands.

Unser Kleingarten ist seit über 40 Jahren unsere zweite Heimat“, sagt Ingrid Wendt (77), die mit ihrem Mann in ihrem zirka 400 Quadratmeter großen Garten Kartoffeln, Möhren, Kohlrabi und Bohnen anbaut. Aber auch bunte Blumenrabatten und ein Stück Rasen müssen Platz haben. „Unser Kleingarten hier in Schönböcken ist für uns eine perfekte Oase der Ruhe. Hier können mein Mann und ich entspannen und durchatmen und machen dazu noch etwas wirklich Sinnvolles.“

Links neben dem Garten der Wendts gärtnert eine Freundin, die auch mal beim Gießen hilft, und rechts daneben arbeiten zwei türkische Frauen in ihrem Gemüsebeet. „Eine gute Nachbarschaft“, freut sich Ingrid Wendt, während sie die dicken schwarzen Brombeeren erntet. In der Nachbarschaft haben auch Familien mit Kindern einen Garten. „Da herrscht immer viel Leben und manchmal auch ein bisschen Geschrei.“ Ein Kleingarten ist ein guter Ort, an dem Eltern ihren Kindern den nötigen Freiraum bieten können.

Tomaten und Mangold aus dem eigenen Garten

Robert Herschel (43) ist dabei, seinen Garten, der durch Leerstand zehn Jahre brachlag, neu zu gestalten. Die zu hoch gewordenen Koniferen hat er fällen lassen. Stattdessen genießt er nun die ersten Früchte seiner Gartenarbeit: Knackige Kohlrabi, frische Gurken und leckeres Mangoldgemüse. „Die Pflanzen freuen sich, dass sich nun wieder jemand um sie kümmert“, erklärt er. „Wir leben hier in der Gartenanlage in einer tollen Nachbarschaft. Man hilft sich, tauscht Pflanzen aus und hält ein Schwätzchen am Gartenzaun.“

Hans-Dieter Schiller (78) ist der Vorsitzende des Gemeinnützigen Kreisverbands Lübeck der Gartenfreunde und wacht seit vielen Jahren über die Geschicke der Lübecker Kleingärten. „ Lange Zeit haben die Kleingartenvereine in Lübeck unter Mitgliederschwund und Leerständen in den Gärten zu kämpfen gehabt. Aber die Talsohle ist durchschritten. Es geht wieder aufwärts.

Es hat sich ein neuer Trend hin zum Kleingarten entwickelt“, freut sich der rührige Vorsitzende, der sein Ehrenamt wie einen Full-Time-Job ausfüllt. „Kaum einer weiß, dass man auch im Kleingarten Urlaub machen kann. In den Sommerferien darf man bis zu 3 Wochen am Stück im Garten übernachten. So vermeidet man den Autobahnstau an die Ostsee oder in den Süden und kann sich darüber hinaus darüber freuen, klimafreundlich Urlaub zu machen.

Oase für Mensch und Tier

Kleingärten sind heute Orte, wo Großstädter bei der Gartenarbeit ausspannen, Zugezogene aus vielen Ländern freundlich und friedlich miteinander gärtnern, ernten und ihre Freizeit genießen. Gesunde Ernährung aus dem eigenen Garten und Naturschutz im Kleinen werden dabei ganz groß geschrieben. „Viele Kleingärtner haben ihren Zierrasen in eine Blumenwiese umgewandelt und damit ein Biotop für Wildbienen und andere Insekten geschaffen“, sagt Hans-Dieter Schiller. „So erhalten wir Kleingärtner auch ein Stück Natur in der Stadt“.

In Lübeck gibt es etwa 8000 Kleingärten in 26 Anlagen. Insbesondere in den dicht besiedelten Bezirken wie in St. Lorenz Nord stellen sie zumeist die einzigen grünen Oasen im Stadtteil dar.

Viele Kleingärtner gestalten ihre Gärten sehr vielfältig und naturbewusst und freuen sich, auf diese Weise etwas für die heimischen Brutvögel, Bienen, Schmetterlinge, Frösche und Igel zu tun. Der Amsel, dem Feldsperling und dem Grünspecht zum Beispiel helfen Gebüsche aus einheimischen Gehölzen aber auch Nistkästen als künstliche Nisthilfen. Viele Tiere profitieren von der hohen Strukturvielfalt in den Gartenanlagen, wo auf kleinstem Raum Gehölze, Blumenbeete, Teiche, Komposthaufen etc. miteinander abwechseln und somit Kleinstbiotope für viele Arten bilden.

In der Vergangenheit wurden in einigen Anlagen leerstehende Gärten als naturnahe Biotope beziehungsweise „Ökoinseln“ zusammengefasst, um auch Arten, die einen höheren Raumbedarf haben oder vom Menschen ungestörter sein müssen, einen Unterschlupf zu bieten. Bei der Pflanzung von Obstbäumen sollte die Gärtnerin darauf achten, möglichst alte, regionale und – soweit vorhanden – klimaresistente Obstsorten auszuwählen. Auch wenn ein Obstbaum schon alt ist und nicht mehr sehr viel trägt, sollte er möglichst erhalten werden. Alte Obstbäume stellen nämlich Lebensraum für Moose und Flechten sowie für Käfer und andere Kleintiere dar.

Rasenpflege frisst viel Zeit und Energie. Besser ist es, das Rasenstück als Blumenwiese zu gestalten und seltener zu mähen. Dabei hat man dann auch noch die Freude, Hahnenfuss, Gänseblümchen und Co in Blüte zu bewundern. Gesundes Obst und Gemüse ohne chemische Pflanzenschutzmittel – wer möchte das nicht? Im Kleingarten hat der Gärtner die Möglichkeit mit natürlichen Mitteln Pflanzenschutz zu betreiben. Wie man das am besten macht, dafür stehen in den Lübecker Kleingartenanlagen Fachberater mit Rat und Tat zur Verfügung.

Ein bisschen Unordnung tut gut

Auch eine unansehnliche alte Laube kann man verschönern und dabei etwas für die Natur tun: Bei ausreichender Stabilität kann man das Dach eines Schuppens begrünen und so mit kleinen Stauden, Gräsern und Mauerpfeffer dem Garten ein außergewöhnliches Flair verpassen.

Ein bisschen Unordnung tut jedem Garten gut. Der Igel zum Beispiel wird es den Gärtnern danken, wenn es in einer Gartenecke einen ungeordneten Haufen aus Ästen, Laub und Früchten gibt. Auch wer schöne Schmetterlinge wie das Pfauenauge im Garten haben möchte, sollte zum Beispiel nicht vergessen für die Raupen ein paar Brennnesseln stehen zu lassen. Wer sich einmal an der Zauneidechse im eigenen Garten erfreuen möchte, sollte etwa einen Steinhaufen anlegen, wo sich diese Tiere verstecken können.

Wer sich für einen Kleingarten interessiert, kann sich an den Gemeinnützigen Kreisverband Lübeck der Gartenfreunde wenden Kontaktdaten: info@kleingaertner-luebeck.de, Telefon 0451/ 4?05?00?30

Robert Herschel bringt seinen neu erworbenen Kleingarten auf Vordermann. Foto: Ursula Kühn

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