120 Jahre: Ein Gespräch über Alfred Hitchcock

 

Vor 120 Jahren wurde Regielegende Alfred Hitchcock geboren. Der Hamburger Schauspieler und Sprecher Jens Wawrczeck, seit über 40 Jahren Fan, hat sich sehr intensiv mit seinem Idol beschäftigt. Unter den Titel „Hitch und ich“ hat er eine Hörbuchreihe mit den literarischen Vorlagen der Filmklassiker aufgelegt. Wawrczeck erläutert, warum Hitchcock und seine Filme unvergänglich sind.

Hitchcock, ein Synonym für Spannung und Nervenkitzel

Alfred Hitchcock ist nicht nur ein Name. Hitchcock ist eine Marke, ein Synonym für Grusel und Nervenkitzel. Jedoch sind die Zeiten, als seine Filme zur Primetime bei ARD und ZDF ausgestrahlt wurden, längst vorbei. Am 13. August wäre der Meister der Spannung, der vor fast vier Jahrzehnten starb, 120 Jahre alt geworden. Ist Hitchcock heute noch relevant? „Absolut, denn Hitchcock ist zeitlos. Er steht über allen Modeerscheinungen oder Zeitgeschmäckern“, meint Jens Wawrczeck. Der Hamburger Schauspieler und Sprecher ist seit über 40 Jahren Fan und hat sich zuletzt sehr intensiv mit seinem Idol beschäftigt. Unter den Titel „Hitch und ich“ hat er eine Hörbuchreihe mit den literarischen Vorlagen der Filmklassiker aufgelegt.

Der Altmeister ist nach wie vor eine Inspirationsquelle

„Hitchcock hat seinen ganz eigenen Stil kreiert, und seine Art, Geschichten zu erzählen, ist unglaublich spannend, innovativ, ja einmalig. Und für Filmemacher und Kreative ist sie nach wie vor eine große Inspiration“, betont Wawrczeck. Wie kaum ein anderer habe Hitchcock es verstanden, Kunst und Unterhaltung so miteinander zu verbinden, dass das Ergebnis sowohl den hochkarätigen Filmkritiker als auch den einfachen Mann auf der Straße angesprochen hat. „Die vermeintlich moderneren Filme sind ja nur in einer anderen Verpackung, oft kopieren sie die Klassiker. Aber Hitchcock war das Original, und das Original hat immer mehr Kraft und Faszination als irgendeine Kopie. Mit dem Original kommt man an den Kern der Sache, an den Kern von Suspense“, erläutert der 56-Jährige.

In Hitchcock-Filmen kann man immer wieder Neues entdecken

Der Begriff Suspense, der sich mit Spannung nur unzureichend übersetzen lässt, ist eine Erfindung von Hitchcock. In seinen Filmen setzt der Regisseur weniger auf den Überraschungsmoment als darauf, die Spannung langsam dadurch zu steigern, dass der Zuschauer mehr weiß als der Held – und somit ganz anders mit den Figuren im Film mitfiebern kann. Und Wawrczeck hat ein weiteres großes Qualitätsmerkmal der Hitchcock-Klassiker ausgemacht: „Es gibt Filme, die schaut man einmal, zweimal und legt sie dann zur Seite. Bei Hitchcock ist das nicht so, da kann man bei jedem nochmaligen Anschauen etwas Neues entdecken. Die Filme sind so vielschichtig, dass sie sich einem auch nach mehrfachem Sehen nicht völlig erschließen. Und auch das ist ein Zeichen von großer Könnerschaft“, sagt Wawrczeck. Seinen ersten Hitchcock-Film sah er mit zwölf oder 13 Jahren. Inzwischen hat er die meisten Streifen des Krimi-Altmeisters 30- bis 50-mal gesehen.

„Keiner inszenierte Blondinen so unwiderstehlich wie Hitchcock“

Anfangs hat Wawrczeck die wahnsinnig verführerische Ästhetik der Hitchcock-Filme fasziniert. „Die Farben, die Art und Weise, wie er Bilder schafft – fast, als kämen sie aus einem Traum. Er war kein realistischer Regisseur, sondern ein surrealer. Hitchcock kommuniziert eher mit dem Unterbewusstsein von uns Zuschauern.“ Hinzu komme die unnachahmliche Mischung aus Albtraum und Humor sowie der berühmte Hitchcock-Look: „Keiner inszenierte Blondinen wie Ingrid Bergman, Grace Kelly oder Doris Day so schön, so unwiderstehlich wie Hitchcock.“ Und dann sind da immer wieder die unglaublich spannenden Storys: „Hitchcock ließ keine Szene passieren, die nicht irgendwie die Handlung vorantreibt. Bei ihm gibt es keinen Leerlauf“, sagt Wawrczeck. Außerdem würden die immer wiederkehrenden Motive, mit denen sich Hitchcock in verschiedenen Variationen beschäftigt, zum Hitchcock-Stil beitragen: ein unschuldig Verfolgter auf der Flucht vor Verbrechern und der Polizei, starke Frauen als unnahbare Objekte der Begierde oder dominante bis schräge Mutterfiguren.

Jens Wawrczeck bringt Hörbücher der Romanvorlagen heraus

„Es gibt kein Jahrzehnt, in dem Hitchcock kein Meisterwerk gedreht hat. Seine Klassiker sind wie große Tortenstücke – absolute Leckerbissen“, schwärmt Wawrczeck. So lecker, dass der Hamburger Schauspieler mit der markanten Stimme – in den „Drei ???“-Hörspielen spricht er seit 40 Jahren den zweiten Detektiv Peter Shaw – mit seinem eigenen Hörbuchlabel „Edition Audoba“ ein Hitchcock-Projekt gestartet hat: Er ist dabei, die Romanvorlagen der Filmklassiker einzulesen. Zwölf von etwa 40 sind bereits im Kasten – darunter „Das Fenster zum Hof“, „Rebecca“, „Vertigo“ oder „Die Vögel“. Im Herbst erscheint „Die 39 Stufen“. Dabei handelt es sich um Literatur, die längst aus den Regalen der Buchhandlungen verschwunden ist. Aber Wawrczeck ist es auch zu verdanken, dass es erstmals überhaupt deutsche Buchübersetzungen gibt – wie etwa von „Immer Ärger mit Harry“. Spannend sei es, Buch und Film zu vergleichen. „Manchen Romanen hat Hitchcock nur eine Idee entliehen, andere konnte er aus Zensurgründen nicht originalgetreu verfilmen. Deshalb ist manche Romanvorlage noch mutiger und schonungsloser als der Film. Was besser ist, kann man nicht sagen, beides steht als Kunstform für sich“, unterstreicht Wawrczeck.

Dem Genie Hitchcock eine neue Öffentlichkeit verschafft

Der Erfolg der Hörbuchreihe und auch der szenischen Lesungen, mit denen Jens Wawrczeck bundesweit auftritt, beweist, dass das Interesse an Hitchcock auch im 21. Jahrhundert Bestand hat. „Schade nur, dass er in der ,Drei ???‘-Serie nicht mehr als Mentor der Juniordetektive auftaucht“, bedauert Wawrczeck. Der Verlag ließ 2005 die Lizenz zur Nutzung des Namens auslaufen. Alfred Hitchcock verschwand von den Buchcovern und aus den Geschichten – und damit auch vom Radar der jungen Leserschaft. Aber immerhin verschafft Jens „Peter Shaw“ Wawrczeck dem Genie Hitchcock neue Öffentlichkeit.

Jubiläumsschuber und szenische Lesung mit Jens Wawrczeck

Zum 120. Hitchcock-Geburtstag sind bei „Audoba“ zwei Jubiläumsschuber mit jeweils fünf Hörbüchern herausgekommen: zum einen unter dem Titel „Hitchcocks Mörder“ (Immer Ärger mit Harry, Klippen des Todes, Das Fenster zum Hof, Cocktail für eine Leiche, Der Verräter), zum anderen geht es um„Hitchcocks Lügner“ (Marnie, Verdacht, Vertigo – Aus dem Reich der Toten, Spellbound – Das Haus des Dr. Edwardes, Eine Dame verschwindet). Der Preis pro Box beträgt circa 50 Euro.





 

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