Mit Sack und Pack nach Pöppendorf

Laden zu einer Ausstellung über die jüngere Vergangenheit in das Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk ein: (v.l.) Museumsleiterin Dr. Bettina Braunmüller, wissenschaftliche Mitarbeiterin Lea Märtens, Kurator Christian Rathmer und Kommunikationsdesignerin Birgit Rohde. (Fotos: Hö)

Neue Sonderausstellung im Industriemuseum beschreibt das Leben im einst größten Durchgangslager Norddeutschlands.

In den frisch renovierten Räumen des Industriemuseums Geschichtswerkstatt Herrenwyk ist ab sofort die Sonderausstellung „Vertrieben – verloren – verteilt. Drehscheibe Pöppendorf 1945- 1951“ zu sehen. Zahlreiche Exponate und Nachbauten, Erinnerungen von Zeitzeugen sowie ein großes Rahmenprogramm lassen diese Vergangenheit auch im Hinblick auf die aktuelle Flüchtlingsdiskussion lebendig werden.

Heute ist es ein stiller Ort im Wald, und es gibt kaum noch Spuren davon, was sich im Waldhusener Forst zwischen dem alten Bahnhof Kücknitz und Pöppendorf abgespielt hat. Dort befand sich von Juli 1945 zunächst als Entlassungslager für die fast 80000 Wehrmachtsangehörigen der deutschen Norwegen-Armee und ab Ende 1945 bis Anfang 1951 das größte Flüchtlingsdurchgangslager Norddeutschlands.

Mehr als eine halbe Million Menschen, Flüchtlinge und Vertriebene, wurden hier durchgeschleust, 620000 Menschen wurden registriert, die Dunkelziffer ist unbekannt. Im Jahr 1947 wurden täglich 1500 Menschen aufgenommen und gleichzeitig verließen 1500 Menschen das Lager, die Aufenthaltsdauer betrug im Schnitt drei Tage. Bekanntheit erlangte das Lager auch durch Operation Oasis, bei der tausende jüdische Flüchtlinge von der „Exodus“ dort einquartiert wurden.

Kurator Christian Rathmer hat sich schon über viele Jahre mit dem Pöppendorfer Lager beschäftigt. „Wir sind also nicht einfach auf die aktuelle Flüchtlingswelle aufgesprungen“, erklärt Museumsleiterin Dr. Bettina Braunmüller. „Aber das war Anlass, jetzt Nägel mit Köpfen zu machen.“ Auf dem Höhepunkt der so genannten Flüchtlingskrise 2015 in Schleswig-Holstein insgesamt 55000 Menschen aufgenommen, kein Vergleich zu den Flüchtlingszahlen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Gemeinsam mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin und Studentin Lea Märtens, die in Kücknitz aufgewachsen ist und sich im Rahmen ihres Studiums mit dem Thema beschäftigt hat, sowie der Kommunikationsdesignerin Birgit Rohde hat Rathmer eine sehenswerte Ausstellung konzipiert und ein Begleitbuch geschrieben.

In Zusammenarbeit mit Helga Martens vom Verein für Industrie- und Arbeiterkultur und dem ehemaligen Waldhusener Revierförster Hans-Rathje Reimers haben die Ausstellungsmacher ein vielfältiges Begleitprogramm erarbeitet. Dazu zählt auch ein Kita- und Schulprogramm, das mit verschiedenen Aktionen das Lagerleben für Kinder und Schüler von der Grundschule bis zur Oberstufe erlebbar machen soll. Finanziert wurde die Ausstellung unter anderem durch die Possehl-Stiftung, die Gemeinnützige Sparkassen-Stiftung, den Verein für Lübecker Industrie- und Arbeiterkultur, den Gemeinnützigen Verein Kücknitz, die Friedrich-Bluhme-und-Else-Jebsen-Stiftung sowie die Reinhold-Jarchow -Stiftung. »Die Ausstellung ist bis zum 28. April 2019 im Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk, Kokerstraße 1-3, zu sehen.

Sonderführungen, Vorträge, Lesungen und Gespräche mit Zeitzeugen runden als Rahmenprogramm ab. Für die Angebote für Kinder, Eltern und Großeltern, sind Anmeldungen erforderlich. Auch für die Programme für Kindergärten, Schulen und andere Gruppen sind frühzeitige Terminabsprachen und Anmeldungen erforderlich. Anmeldungen bei Helga Martens, Telefon 0451/748 94 (AB) oder per Mail an helga.martens@travedsl.de. Weitere Info auch auf der Homepage www.geschichtswerkstatt-herrenwyk.de.

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