Kein Nachfolger: Das Ende für die „Brücke nach Domnau“

25 Jahre lang hat Rudolf Scheffler Hilfstransporte in den ehemals ostpreußischen Landkreis Bartenstein  organisiert und durchgeführt. Doch nun ist für den 86-Jährigen Schluss, die Fahrten werden einfach zu anstrengend.

Wenn der gelernte Schmied und spätere Schweißfachmann über sein Projekt „Brücke nach Domnau“ erzählt, leuchten seine Augen. „Wir haben viel gesehen, konnten vielen Menschen helfen und trotz mancher Widrigkeiten von Behördenseite haben wir auch viel Spaß gehabt“, resümiert er mit einem verschmitzten Lächeln. Warum gerade Bartenstein? Rudolf Scheffler wurde dort 1931 geboren und musste 1945 Richtung Westen fliehen. Auch wenn seitdem in Pansdorf zu Hause ist, seine Wurzeln hat er nicht vergessen.

Hilfsgüter ins polnisch-russchisch Domnau

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sah er die Chance, die Armut der Menschen in seiner ehemaligen Heimat etwas zu lindern. Ab 1992 brachte er zunächst zusammen mit einigen „Heimweh-Touristen“, wie er sie nennt, die gespendeten Hilfsgüter mit privaten Fahrzeugen „nach drüben“: Die „Brücke nach Domnau“ war geboren. Bald wurde der ehemalige Biologielehrer Kurt Rühe sein ständiger Reisebegleiter.

Gemeinde Ratekau stellte Lastwagen zur Verfügung

1998 kaufte die Gemeinde Ratekau für damals 4200 D-Mark einen ausrangierten Bundeswehr-LKW, um die ehrenamtliche Hilfe zu unterstützen. Zwei- bis viermal pro Jahr machten sich Rudolf Scheffler und Kurt Rühe auf die rund 1700 Kilometer lange Fahrt. Den Diesel bezahlten sie von Geldspenden, für Unterkunft und Verpflegung kamen sie selber auf. Die Verteilung an die Bedürftigen vor Ort übernahm im Laufe der Jahre die Sozialstation in Bartoszyce.

96 Transporte mit Möbeln, Kleidung, Spielzeug, Babynahrung, Rollstühlen und mehr

96 Transporte waren es insgesamt, dabei wurden unzählige Tonnen Hilfsgüter bewegt. Außer Möbel war von Kleidung über Spielzeug, Babynahrung, Rollstühlen bis hin zu Pflegebetten alles dabei. Per Schiff wurden außerdem ein Mähdrescher, ein zu einem Krankenwagen umgebautes Feuerwehrauto, eine Feldbäckerei und sogar eine Kuh auf die Reise gen Osten geschickt.

Kein Nachfolger für die „Brücke nach Domnau“

Nach einem Vierteljahrhundert ist nun unwiederbringlich Schluss. Der „antiquarische“ LKW, inzwischen stolze 34 Jahre alt, hat bereits einen neuen Besitzer gefunden. Der Frage, was er bei diesem Abschied empfindet, weicht Rudolf Scheffler aus. Ist es Wehmut? Erleichterung? Stolz? Vielleicht von allem ein bisschen. Dass der 86-Jährige noch einmal die alte Heimat besucht, ist nicht ausgeschlossen. Dann aber in einem komfortablen Reisebus. afu

Ehemaliger ostpreußischer Landkreis Bartenstein

Der ehemalige ostpreußische Kreis Bartenstein wurde nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt. Der nördliche Teil mit den Städten Prawdinsk (Friedland) und Domnowo (Domnau) gehört zur russischen Enklave Kaliningrad. Der südliche Teil mit der Stadt und Gemeinde Bartoszyce (Bartenstein) zu Polen.
Foto: Kurt Rühe (li.) und Rudolf Scheffler haben auf ihren Hilfstransporten einiges erlebt. © afu
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