Interview mit Lübecks Verdi-Geschäftsführerin Berith Jordan zum Equal Pay Day

Zum elften Mal wurde kürzlich weltweit und auch in Lübeck auf den Equal Pay Day aufmerksam gemacht.

Trotz der Anstrengungen von Gewerkschaften, Gleichstellungsbeauftragten und engagierten Frauen ist das Ziel nicht erreicht, Frauen für die gleiche Arbeit wie von Männern geleistet, gleich zu bezahlen.

Wo steht Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern?

Berith Jorden: Deutschland liegt mit 21 Prozent weit im oberen Bereich. Von circa drei Prozent in Slowenien bis knapp 30 Prozent in Estland reicht die Spannweite des Lohngefälles in der EU laut Eurostat 2013.

Welche Unterschiede der Entlohnung in den einzelnen Bereichen gibt es?

Bei gleicher Wochenarbeitszeit verdient ein Chemielaborant 3537 Euro, eine Frau 3055 Euro, 13,6 Prozent weniger. Ein Webjournalist verdient 4017 Euro, seine Kollegin 3041 Euro, 25,3 Prozent weniger. Im Backhandwerk liegt der Unterschied bei 20,1 Prozent. In den Führungsetagen, wo Männer zu 84 Prozent vertreten sind, finden gravierende Unterschiede statt.

Bedarf es einer Neubewertung von Arbeit für Frauen und Männer?

Die eher männlich dominierten MINT-Berufe werden strukturell besser vergütet und genießen eine höhere Anerkennung als die frauendominierten Berufe. Eine Sozialpädagogin verdient circa 2853 Euro im Monat, während ein Bauingenieur, also beide mit vergleichbaren Studienzeiten, mit rund 4000 Euro nach Hause geht. Ja, es braucht dringend eine Neubewertung von typisch frauendominierten Berufen.

 Wie können alte Strukturen im Gefälle der Bezahlung verändert werden?

Der Streik in den Sozial- und Erziehungsdiensten hat gezeigt, dass Frauen in den Bereichen Pflege, Betreuung und Bildung die Verbesserung ihrer Arbeit nur erfolgreich umsetzen können, wenn sie dieses selbst mit in die Hand nehmen, sich entsprechend organisieren und gemeinsam für die Verbesserungen in den Tarifen einsetzen.

 Frauendominierte Berufe werden zu großen Teilen aus Steuermitteln finanziert. Wie kann sich dort etwas verändern?

Die gesellschaftliche Wertschätzung muss dazu führen, diese Berufe angemessen zu bezahlen. Aber von alleine passiert das nicht. Frauen müssen ihr Recht auf gerechte Bezahlung aktiv einfordern, um die Entgeltlücke zu schließen.

Was ist das Hauptproblem für die Unterschiede im Entgelt?

Die Hälfte der erwerbstätigen Frauen sind in Teilzeit beschäftigt oder arbeiten in Minijobs. Schwangerschaft, Eltern- und Erziehungs- sowie Pflegezeit beeinflussen das Gehalt negativ. Viele Arbeitgeber meinen immer noch, dass Frauen in diesen Zeiten keine relevanten Berufserfahrungen sammeln, meist ist ein Wiedereinstieg nur in Teilzeit möglich.

 Wie ist eine veränderte Sichtweise in den Führungsetagen zu erreichen?

Hier sollten verbindliche Quoten eingesetzt werden. Erst allmählich fangen Unternehmen an, die so genannten besonderen Fähigkeiten von Frauen, die Softskills, positiv für sich zu bewerten. Alle Appelle der Besetzung von Führungspositionen durch Frauen haben bisher nicht geholfen.

 Was ist die Folge der Entgeltlücke?

Eine geringe Rente bis hin zu Altersarmut. Durch Familienarbeit arbeiten Frauen wesentlich mehr, leider zu großen Teilen unentgeltlich im Haushalt, in der Erziehung und in der Pflege. Rollenbilder, die der Frau die familiäre Sorgearbeit zuschreiben, hindern sie gleichzeitig am Aufstieg im Beruf. Wer Chancengleichheit für Frauen erreichen will, muss auch für die Überwindung der Entgeltlücke sorgen. Interview: MPA

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