Was ist die „Essbare Stadt“?

 

Wochenspiegel-Serie, Teil 1: Ein Gespräch mit Ingrid Bauer, Projektleiterin beim städtischen Bereich Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutz.

Wochenspiegel: „Essbare Stadt“, das ist eine ungewöhnliche Wortschöpfung. Heißt es, dass das Holstentor zum Naschen freigegeben wird?

Ingrid Bauer: Natürlich nicht. Das Projekt „Essbare Stadt Lübeck“ ist 2014 entstanden und hat sich zu einem Netzwerk aus dem städtischen Bereich Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutz, dem Museum für Natur und Umwelt und mittlerweile rund 35 Einzelprojekten, Initiativen, Vereinen, landwirtschaftlichen Betrieben und Einzelpersonen entwickelt. Die Mehrzahl der Projekte ist kooperativ organisiert und agiert auf Quartiers- oder Stadtteilebene. Menschen arbeiten zusammen, um Beispiele nachhaltigen Wirtschaftens und selbstwirksamen Handelns im eigenen Lebensumfeld zu schaffen. Damit bewahren sie Wissen um bewährte und nachhaltige Kulturtechniken. Wichtig dabei ist die biologische Erzeugung von Lebensmitteln, weil dadurch Bodenschutz, Klimaschutz und biologischer Vielfalt am besten gewährleistet werden. Im Kern geht es darum, die Stadt als nahrhafte Landschaft zu verstehen und zu gestalten – für Menschen, Tiere und Pflanzen.

Warum sollen diese Ziele ausgerechnet in einer eng bebauten Stadt verfolgt werden?

Wir haben mittlerweile eine höchst industrialisierte Landwirtschaft, die den wilden oder unerwünschten Tier- und Pflanzenarten sehr wenig Raum lässt. In der Feldflur beobachten wir einen enormen Artenrückgang bis hin zum Artensterben. In der Stadt haben wir kreative Akteure, die sich dafür einsetzen, auf vielen kleinen und größeren Flächen diese biologische Vielfalt zu fördern.

Nach und nach entwickelt sich darüber Verständnis, dass wir auch in der Flur nachhaltiger wirtschaften müssen, wenn wir das oft proklamierte Ziel der Erhaltung unserer Lebensgrundlagen ernst nehmen wollen. Deswegen spielen Städte eine immer wichtigere Rolle für die Erhaltung vieler Arten und für die Umweltbildung.

Geht auch ökologisches Bewusstsein durch den Magen?

Ja, sicher. Viele Projekte der Essbaren Stadt sind so angelegt, dass jeder Lübecker mitmachen kann – nicht zuletzt auch Kinder. Über das eigene Erleben beim Gärtnern zum Beispiel wird quasi „nebenbei“ viel Verständnis über nachhaltige Lebensmittelerzeugung erzielt. So versteht man, warum Bio-Produkten teurer, aber auch vitaminreicher und nahrhafter sind. Man entdeckt optisch und geschmacklich eine größere Vielfalt an Obst und Gemüse, die von Lebensmittelmärkten nicht angeboten werden.

Bestimmt die Stadtverwaltung, was in der Essbaren Stadt passiert?

Nein, das würde nicht funktionieren. Das Projekt lebt davon, dass Menschen gemeinsam und selbstorganisiert aktiv werden, sich verfügbaren öffentlichen Raum in ihrem Stadtteil aneignen, ihren Lebensort kreativ nutzen und verschönern. Wir als Stadtverwaltung helfen dabei, verfügbare Flächen zu finden, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten, die Initiativen miteinander zu vernetzen und das ein oder andere Projekt selbst mit anzuschieben. SDF

 

Foto: Ingrid Bauer, Projektleiterin Essbare Stadt Lübeck beim städtischen Bereich Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutz. © SDF

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