Abschiebung: Helfer sind fassungslos

Afghanische Flüchtlingsfamilie wurde zurück nach Norwegen geschickt.

„Ohne Ankündigung, ohne Vorbereitung wurde in den frühen Morgenstunden des 13. Juni eine afghanische Familie mit ihren fünf Kindern im Alter zwischen drei und elf Jahren abgeschoben“, teilt Volker Holtermann, Flüchtlingsbeauftragter des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Ostholstein, mit. Dieses Vorgehen widerspreche allen Zusagen der Ausländerbehörde in Eutin, die ihm versichert hätten, dass seitens der Behörde immer eine freiwillige Ausreise „in Würde“ angeboten werde, berichtet er.

Die Familie, die im Oktober 2016 nach Böbs in die Gemeinde Ahrensbök gelangte, wurde seither durch ehrenamtliche Flüchtlingshelferinnen betreut. „Viel Arbeit war es und brachte uns oft an den Rand der Erschöpfung“, berichtet Flüchtlingshelferin Carola Schenk. „Der Lohn dafür aber war, mitzuerleben wie fünf kleine Kinder nach jahrelanger Flucht und Heimatlosigkeit wieder Vertrauen aufbauten und ihr Fluchttrauma langsam vergessen konnten.“ Zwei ältere Kinder der Familie galten bereits als Musterschüler, die sich schnell in ihrer neuen Umgebung eingelebt hätten. All diejenigen, die mit ihnen zu tun hatten, seien hingerissen gewesen von ihren Fortschritten, erzählt die Flüchtlingshelferin weiter. Eine Perspektive habe die Familie durchaus gehabt, meint Carola Schenk. „Oder hat man ihnen diese Perspektive nur vorgegaukelt“, überlegt sie.

Im Grunde habe wenig Hoffnung bestanden, eine Aufenthaltsgenehmigung oder gar Asyl zu erhalten, erläutert Volker Holtermann. Nach jahrelanger Flucht aus Afghanistan gelangte die Familie über den Iran und die Türkei schließlich nach Norwegen. „Da Norwegen geflüchteten Menschen aus Afghanistan keinen Schutz anbietet, machten sie sich weiter auf den Weg nach Deutschland“, berichtet der Flüchtlingsbeauftragte. „Hier wurden sie recht schnell vom Aufnahmelager Boostedt/Neumünster im Oktober der Gemeinde Ahrensbök zugeteilt.“ Doch leider sei die Situation so, dass nach dem so genannten „Dublin-Verfahren“ Geflüchtete in das europäische Land zurück müssten, in dem sie zuerst registriert wurden.

So kam es schließlich zu diesem „menschenunwürdigen Einsatz der Behörden“, wie es Volker Holtermann nennt. In den frühen Morgenstunden um 4 Uhr sei die Familie aus den Betten geholt worden. Der Familie sei nur wenig Zeit eingeräumt worden, ein paar persönliche Sachen zu packen. Der Flüchtlingsbeauftragte und andere Helfer wurden von der Familie allerdings noch alarmiert. Volker Holtermann spricht von dramatischen Szenen, die sich während des Einsatzes abspielten. Carola Schenk berichtet von den weinenden Kindern. Auch sie selbst stehe als Augenzeugin noch unter Schock.

Die Helfer sind sich sicher, dass die Familie nicht in Norwegen bleiben darf. „Norwegen schiebt rigoros ab“, betont Carola Schenk. „Im schlimmsten Fall wartet der Krieg in Afghanistan auf die Familie“, sagt sie „und das Lachen, Tanzen und Singen der Kinder wird verstummen.“ BG

 

Foto: Saida (elf Jahre), Armin (drei Jahre) und Mutter Fariba (31 Jahre) in ihrem Zuhause in Böbs. © hfr/Privat

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