Italienische Eiscafés: Wie sie ihren Weg nach Deutschland fanden

Die Wochenspiegel-Redaktion besuchte drei italienische Eiscafés fragte nach ihrer Geschichte.

Gerade in den warmen Tagen des Jahres ist es wohltuend, sich bei einem Stadtbesuch mit einem Eis etwas zu erfrischen und abzukühlen. Oft sind es dabei italienische Cafés, die uns eine süße Auszeit bescheren. Doch wie kam es dazu, dass viele italienische Familien in Deutschland Eisdielen eröffnet haben? Wir haben drei Eiscafés besucht und nachgefragt.

Café Venezia in der Königstraße in Lübeck

Seine Familie stamme aus dem Eismachertal in den Dolomiten, berichtet Walter Scussel vom Café Venezia in der Königstraße in Lübeck. Wie sie stammen nahezu alle italienischen Eisdielenbesitzer aus den im Norden gelegenen Val di Zoldo oder Val di Cadore, die beide als Tal der Eismacher bekannt sind.

Eiscafé Venezia in Bad Schwartau

„Die Emigration aus Italien begann bereits Ende des 19. Jahrhunderts“, berichtet Mauro Brustolon vom Eiscafé Venezia in Bad Schwartau an der Ecke Markt/Lübecker Straße, dessen Familie aus dem Val di Zoldo stammt. Die Bedingungen dort seien schlecht gewesen, die Erhebung von Steuern habe die Bevölkerung belastet und Zweige wie der Bergbau und die Herstellung von Nägeln für die Schiffe Venedigs seien eingebrochen, erklärt Brustolon weiter. Auch die Familie Scussel stammt aus dem Zoldo-Tal. „Circa 80 Prozent der Einwohner des Tals sind ausgewandert, viele Familien noch vor dem ersten Weltkrieg“, erzählt Walter Scussel.

Eiscafé Dolomiti in der Schönböckener Straße in Lübeck

Lino Belfi vom Eiscafé Dolomiti in der Ladenzeile an der Schönböckener Straße in Lübeck berichtet, seine Familie habe bereits seit mehr als 50 Jahren Eisdielen in den Niederlanden betrieben, ehe er nach seiner Militärzeit in Italien nach Deutschland gekommen sei.

Familien als Hüter der Eismacher-Tradition

Die Eismachertradition wird oft von Familienmitgliedern weitergegeben: So berichtet Walter Scussel, er habe das Eismachen von seinem Onkel und Cousin gelernt. In der Familie Brustolon begann Mario Brustolon die Tradition, der Anfang der 50er Jahre in Cremona das Eishandwerk erlernte. Heute verlaufen die Arbeitstage der drei Eismacherfamilien Belfi, Brustolon und Scussel ähnlich: Es sind lange Tage, die in der Regel mit einer mehrstündigen Eisproduktion beginnen. Hinzu kommen viele Stunden Reinigungsarbeit. Aber: Alle Arbeit ist der Mühe wert, denn im Vergleich zu industriellem Eis können die Eiscafés mit vielem punkten.„Frischer als bei uns geht es nicht, da in der Hochsaison täglich Eis produziert wird“, erklärt Lino Belfi, der fast ausschließlich Produkte aus Italien verwendet. „In unser Eis kommt nur, was die Natur uns hergibt“, verspricht Walter Scussel. „Bei der Eisherstellung ist es wie bei einem Konzert – alles muss 100-prozentig sein“, hebt Mauro Brustolon hervor, der ebenfalls nur natürliche Zutaten nutzt. Die beliebteste Sorte in allen drei Eisdielen ist das Vanilleeis. „Am meisten verkaufen wir die Sorten Vanille, Haselnuss, Stracciatella, Erdbeere und Banane“, berichtet Lino Belfi. NA

Foto: Nicol Arnoldo Scussel, die das Café Venezia in Lübeck mit ihrem Mann Carlo Scussel in dritter Generation betreibt; gegründet hat es 1954 der Großvater der Familie Scussel, Carlo Scussel, der Mitte der 30er Jahre nach Deutschland kam. Die sechs Mitarbeiter im Café sind Familienmitglieder. ©NA

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