Die sozialen Medien des Mittelalters

„Mach mir nicht den Affen“: Die winzigen Tragezeichen hatten in früheren Jahrhunderten eine ähnliche Funktion wie die aktuellen Social Media. (Fotos: Sdf)

Historische Tragezeichen werden im Europäischen Hansemuseum in der Ausstellung „Pin it!“ gezeigt.

Smileys in E-Mails, Emoji und Emoticons in Chat-Nachrichten, Buttons auf Lederjacken: Mit bunten Symbolen und Zeichen drücken heute viele Menschen von ihren Stimmungen, Vorlieben und Gesinnungen aus. Bereits vor etlichen Jahrhunderten war es erstaunlicherweise nicht viel anders. Auch mittelalterliche Pilger, Händler, Edelleute und wer weiß noch wer trugen an Kutten, Schauben und Wämsern ebenfalls kleine Symbole, Wappentiere, Figuren und seltsame Geschöpfe. Eine große Ansammlung dieser kleinen Dinge aus Blei und Zinn ist nun in der Ausstellung „Pin it! Social Media des Mittelalters“ des Europäischen Hansemuseums in Lübeck bis zum 6. August zu entdecken.

In einem Forschungskolloquium und im begleitenden Veranstaltungsprogramm werden die Ähnlichkeiten zwischen den jahrhundertealten Tragzeichen und den modernen Kommunikationsbildchen genauer erörtert. In den fast 30 Vitrinen der Ausstellung blickt man allerdings hauptsächlich auf rund 250 historische Abzeichen. Die meisten stammen aus den Niederlanden. Dort, im Zeeuws Museum in Middelburg, wurde die Schau zuerst gezeigt. Aus Lübecker Museen kommen noch Pilgerzeichen hinzu. Die Darstellungen von Pilgern, Heiligen und Mutter Maria waren im Mittelalter gängige Motive. Ebenso die Wappen von Gilden, Kaufmannschaften und Handwerksvereinigungen.

Seinerzeit waren die Menschen allerdings nicht nur gottesfürchtig und geschäftstüchtig. Sie waren auch profan, derb und nicht selten obszön. Oder was ist von einem Anhänger zu halten, der einen grimassierenden Mann mit blankem Hintern zeigt? Wie war es dem Menschen zumute, der sich ein männliches Geschlechtsteil mit Flügeln an der Brust anheftete? Und wer hat wohl eine Reproduktion von weiblichen Genitalien mit Pilgerhut und Pilgerstab zur Schau getragen? Auf all diese Fragen weiß die Wissenschaft kaum Antworten, gesteht der Kurator der Ausstellung, André Dubisch: „Ich finde es gerade spannend, dass man nicht so viel über diese Tragezeichen weiß. Und es ist auch ein neuer Forschungsansatz, die Bedeutungen offen zu lassen und diese Fragen den Besuchern weiterzugeben. Denn jeder von uns sieht in diesen Bildern ganz andere Darstellungen.“

Gefragt ist also die Schwarmintelligenz der Besucher. Vielleicht hat gerade die jüngste, multimedial aufgewachsene Generation ein paar gute Ideen. In der Ausstellung kann man sich auch als lebensgroßer Smiley verkleiden und in einer Fotobox austoben. Die so entstandenen Fotos werden ebenfalls in der Ausstellung gezeigt.

Mit der Internetaktion #PilgerPussy will das Europäische Hansemuseum außerdem ein pinkes Pilgerin-Abzeichen auf Weltreise schicken. SDF

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