Schutz von Fledermäusen angemahnt

Nackt steht der Gebäudekomplex des Sellschopp-Hauses in der Moislinger Allee da. Um eventuell hier lebende Fledermäuse zu vertreiben, wurden die Dachpfannen großflächig entfernt. (HÖ)

Das Sellschopp-Haus soll abgerissen werden. Naturschützer befürchten, dass zur Vergrämung der Tiere im Vorwege die Dächer abgedeckt wurden.

Für die einen sind es durchaus possierliche Tiere, den anderen sind die lautlosen Räuber der Nacht eher unheimlich: gemeint sind Federmäuse. Sie genießen einen ganz besonderen Schutz, weil sie vielfach bedroht sind. Jetzt ist einen neue Bedrohung hinzugekommen, wie Fraktionssprecherin Katja Mentz von der GAL mitteilt. In einer Pressemitteilung prangert die Politikerin der GAL-Fraktion an, dass auf dem Gebäude des Sellschopp-Hauses in der Moislinger Allee großflächig die Dachpfannen abgenommen wurden, um die im Gebäude überwinternden Fledermäuse aus dem Gebäude zu locken.

Stadtsprecherin Nicole Dorel wies auf Nachfrage darauf hin, dass es bislang nur den Verdacht gibt, dass im Keller Fledermäuse ihr Quartier haben könnten. Deshalb habe die Untere Naturschutzbehörde nahegelegt, ein Gutachten über das Vorhandensein von Fledermäusen zu erstellen. „Das ist aber keine Verpflichtung, das auch zu tun“, so die Stadtsprecherin. „Ob es tatsächlich mittlerweile ein Gutachten gibt, kann ich nicht sagen. Das Vorgehen der Firma lässt aber darauf schließen, dass dort tatsächlich Fledermäuse ihr Quartier haben könnten“, mutmaßte Dorel.

„Ich finde, das ist ein Skandal“, reagierte die GAL-Sprecherin erbost. „Unsere Fraktion fordert den sofortigen Stopp weiterer Abrissarbeiten und Aufklärung im nächsten Umweltausschuss. Wir gehen momentan davon aus, dass mit der Dachabdeckung die Fledermäuse absichtlich aus den Gebäuden vertrieben werden sollen, um die Gebäude abreißen und das Grundstück vermarkten zu können.“

Wie sich herausstellt, ist das Vorgehen an dem Gebäude kein Kavaliersdelikt. „Die Vergrämung ist per Gesetz verboten“, sagt Fledermausexpertin Dr. Anne Ipsen mit Hinweis auf das Bundesnaturschutzgesetz. Die Biologin leitet gemeinsam mit Florian Gloza-Rausch das Fledermauszentrum Noctalis in Bad Segeberg und kennt sich mit den Folgen aus, die eine Störung der Winterruhe haben kann.

„Fledermäuse halten Winterschlaf und fahren dabei ihren Kreislauf komplett herunter, die Körpertemperatur sinkt auf Umgebungstemperatur ab“, so die Biologin. Werden sie gestört, dann ist das Aufwachen vergleichbar mit einem Marathonlauf und verbraucht viel Energie: „Sie brauchen etwa eine Stunde, bis sie überhaupt irgendwohin können. Bei etwa fünf solcher Störungen im Winter verhungern die Fledermäuse im Frühling, weil sie im Winter keine Nahrung zu sich nehmen.“ »Im Paragraf 39 des Bundesnaturschutzgesetztes (BNatSchG) heißt es unter Absatz 6: „Es ist verboten, Höhlen, Stollen, Erdkeller oder ähnliche Räume, die als Winterquartier von Fledermäusen dienen, in der Zeit vom 1. Oktober bis zum 31. März aufzusuchen; dies gilt nicht zur Durchführung unaufschiebbarer und nur geringfügig störender Handlungen sowie für touristisch erschlossene oder stark genutzte Bereiche.“

Mehr zum Thema
In Deutschland leben 25 Fledermausarten, allein in Schleswig-Holstein sind es 15, die nach Angaben von Biologin Anne Ipsen von Noctalis in Bad Segeberg auch in Lübeck vorkommen. In den Bad Segeberger Kalkberghöhlen überwintern jährlich rund 27 000 Fledermäuse, darunter das Große Mausohr, die Große Bartfledermaus, das Braune Langohr und die seltene Bechsteinfledermaus. Dort herrschen das ganze Jahr über rund zehn Grad Lufttemperatur und eine relativ hohe Luftfeuchtigkeit und in weiten Teilen Dunkelheit.
Teile diesen Beitrag!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.