Wenn Lachen gegen die Ohnmacht hilft

Der in Travemünde lebende Autor Bodo Müller hat ein Buch mit DDR-Witzen vorgelegt. (Siegfried Scheiter)

Der Lübecker Schriftsteller Bodo Müller schießt Satire-Pfeile gegen Partei, Staat und Stasi.

Ein Trabi fliegt aus der Kurve und landet auf der Wiese mitten in einem Kuhfladen. Fragt der Kuhfladen: „Wer bist denn du?“ Der Trabi antwortet: „Ich bin ein Auto.“ Da lacht der Kuhfladen: „Wenn du ein Auto bist, dann bin ich eine Pizza.“

Mehr als 150 gesellschaftskritische DDR-Witze hat der Lübecker Autor Bodo Müller gesammelt und jetzt in seinem neuesten Werk: „Lachen gegen die Ohnmacht. DDR-Witze im Visier der Stasi“ publiziert.

Bodo Müller wuchs in der DDR auf und sammelte schon in jungen Jahren die in verrauchten Eckkneipen erzählten Witze gegen Partei, Staat und Stasi, wie zum Beispiel: „Montags kein Brot, Freitags kein Bier – Erich wir danken dir.“

Sein Lieblingswitz stammt vom Ende der DDR: Honecker entdeckt beim Spaziergang im Schnee den mit Urin geschriebenen Schriftzug: „Honecker ist doof.“ Mielke beschwichtigend zu Honecker: „Genosse, ich habe den besten Geheimdienst der Welt, morgen sitzt das Schwein hinter Schloss und Riegel.“ Am nächsten Tag flüstert Mielke zu Honecker: „Wir haben den Urin analysiert, er stammt von Egon Krenz. Aber es kommt noch schlimmer. Wir haben Schriftproben genommen. Die Handschrift stammt von Margot.“

Zugegeben, um über diesen Witz lachen zu können, muss man entweder ehemaliger „Ossi“ sein oder zumindest ein paar Grundkenntnisse über den deutschen „Arbeiter- und Bauerstaat“ haben. Leichter zu verstehen sind Satiren wie diese: „Ein Ossi hat einen Trabi mit plattem Reifen. Der andere hat fünf Kinder. Was denken beide? Scheiß DDR-Gummi.“

Buchautor Bodo Müller hatte seine Witze-Sammlung in der Wohnung versteckt. Die Stasi durchsuchte mehrmals die Wohnung, fand aber die brisante und gefährliche Sammlung nie. Auf „Staatsfeindliche Hetze“ standen in der DDR fünf Jahre Gefängnis. Aus Vorsicht zerriss Müller seine Witze-Sammlung und übergab sie der Klospülung. Vorher hatte er sich jedoch jeden Witz noch einmal durchgelesen und eingeprägt.

Vom Herbst 2015 bis Frühjahr 2016 recherchierte der Autor in über 40 000 Seiten Stasi-Akten nach „staatsfeindlicher Hetze“. In über 100 Fällen wurden Witze-Erzähler zu Gefängnisstrafen zwischen einem und vier Jahren verurteilt. Die meisten Fälle fand er in Mecklenburg-Vorpommern. Autor Bodo Müller saß selbst wegen versuchter Republik-Flucht in der Stasi-U-Haft in Rostock ein. Im August 1989 durfte er die DDR verlassen und lebt seitdem in Lübeck. Seine Bücher „Über die Ostsee in die Freiheit“ (mit Co-Autorin Christine Müller) und „Faszination Freiheit“ wurden zu Bestsellern und von der ARD verfilmt. Bodo Müllers neuestes Buch, das gerade erschienen ist, enthält nicht nur die schärfsten politischen Witze aus der DDR. Eine zeitgeschichtliche Einleitung sowie Fall-Bespiele aus den Akten der Staatssicherheit geben dem Witze-Buch einen bemerkenswerten Tiefgang.

Wer das Buch liest, kann herzhaft lachen – zeitweise bleibt dem Leser aber auch das Lachen im Halse stecken. Als Geschenk unbedingt empfehlenswert. »Bodo Müller: „Lachen gegen die Ohnmacht. DDR-Witze im Visier der Stasi“, Ch. Links Verlag. Im Buchhandel erhältlich für zehn Euro.

Siegfried Scheiter
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