„Was würdet ihr tun?“

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn im Gespräch mit den OzD-Oberstufenschülern Hannes Knorr, Enzo Kirschstein und Jeremie Joyeaux. (Fotos: Sdf)

Der Stasi-Unterlagenbeauftragte Roland Jahn besucht die Grenzdokumentationsstätte Schlutup und spricht mit Schülern.

Es sind 27 Jahre seit dem Fall der innerdeutschen Mauer vergangen und sechs Jahre mehr, seitdem der Bürgerrechtler Roland Jahn aus der DDR ausgebürgert wurde. Aber wenn der heutige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde von jener mittlerweile fernen Zeit spricht, benutzt er häufig die Gegenwartsform.

Einer kleinen Gruppe von Oberstufenschüler der Oberschule zum Dom (OzD), die zum Grenzdokumentationsstätte in Schlutup gekommen sind, berichtet er von seiner Kindheit und Jugend in Jena, von seinem Drang nach Freiheit und von seinem Protest, als ob alles gerade geschehen würde.

Die Heranwachsenden hören gebannt zu, wenn Jahn die alltäglichen und grausamen Erscheinungen der kommunistischen Diktatur vergegenwärtigt. In der Kita, in der Schule, unter Freunden und in der Familie. Auch die Organisatorin des Treffens, die schleswig-holsteinische Bundestagsabgeordnete Luise Amtsberg (Grüne), schildert ihre Kindheit in Ost-Berlin. „Viele Dinge versteht man als Kind einfach nicht. Damals wollte ich sogar Erich Honecker zum Kaffee nach Hause einladen“, erzählt sie. „Was würdet ihr tun?“ fragt Jahn immer wieder seine Zuhörer. Eine Frage, die in seinem Vortrag durchaus aktuelle Bezüge bekommt. Wie gehen wir mit Flüchtlingen um, was halten wir von der Vorratsspeicherung persönlicher Daten, was tun wir gegen Mobbing in der Schule, will er wissen. „Es gibt auch in der heutigen Zeit Situationen, wo man sich entscheiden muss.“

Viele Fragen stellen die Schüler nicht. „Ich fand es sehr interessant, es beinahe live mitzubekommen, wie das System damals funktioniert hat“, sagt dennoch Enzo Kirchstein nach dem Treffen.

„Es ist schwer, sich vorzustellen, wie man damals gehandelt hätte“, räumt Hannes Knorr ein, „aber dass man aus der Geschichte etwas fürs heute lernen kann, finde ich sehr wichtig.“

Für die Gegenwart aus der Geschichte lernen: Das ist der Ansatz der Grenzdokumentationsstelle in Schlutup. Der Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde Roland Jahn findet anerkennende Worte für die Menschen, die ehrenamtlich das kleine Museum eingerichtet haben und betreiben. „Es ist wichtig, dass sich Bürger engagieren, um Geschichte zu vermitteln. Diese Initiative sollten unterstützt werden.

Aber die Herausforderung ist, sie so zu gestalten, dass die Vermittlung der Geschichte an jüngere Menschen auch funktioniert.“

Gerade darüber wird zurzeit in Lübeck diskutiert. Ob und wie die Hansestadt und die Lübecker Museen die Grenzdokumentationsstätte unterstützen können, ist Thema eines Berichts, der in der kommenden Bürgerschaftssitzung beraten wird. SDF

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