Die Chroniken von Moisling und Buntekuh

Historikerin Maria Seier und Archivdirektor Jan Lokers präsentieren die Chronik. (SDF)

Das letzte Band zur Geschichte der Lübecker Stadtteile ist jetzt erschienen.

Trostlose Hochhäuser, ausgedehnte Gewerbegebiete, wuselige Einkaufszentren, soziale Brennpunkte: Das ist das Bild, das viele Lübecker von den Stadtteilen Moisling und Buntekuh haben. Ein Image, das besonders in den letzten Jahrzehnten entstanden ist. Die ehemaligen Dörfer blicken allerdings auf eine sehr lange Geschichte zurück. Und sie ist wesentlich vielfältiger und spannender, als man zuerst denkt, sagt die Historikerin Maria Seier.

Ein gutes halbes Jahr hat sie sich im Archiv der Hansestadt durch Briefe, Akten, Berichte, Verträge und Landkarten gearbeitet und ihre Funde auf 214 Seiten zusammengefasst. Sie bilden das letzte Heft in der Reihe zur Geschichte der Stadtteile, die vom lübschen Stadtarchiv herausgebracht wird. „Meine Chroniken wollen genau gegen die gängige, verkürzte Wahrnehmung dieser beiden Stadtteile ein Gegenlicht werfen. In den 850 Jahren ihrer Geschichte ist wirklich viel passiert.“ Ihr Bericht beginnt mit der ersten urkundlichen Erwähnung der Dörfer Moisling, Reeke und Niendorf im Jahr 1265, einem Rechtsstreit zwischen dem Bischof von Lübeck und den Brüdern Conrad und Friedrich von Moscelinge. Zu Ende geht er mit der Beschreibung der Bauprojekte der letzten Jahre.

Lang war das Leben der Bewohner durch ländliche, gutsherrschaftliche Verhältnisse geprägt. Im Archiv hat Maria Seier selbst Unerwartetes entdeckt. „Das Thema Bildung zum Beispiel ist in Moisling und Buntekuh sehr, sehr interessant“, berichtet die Forscherin. Es gab immer wieder Menschen, die sich stark für Dorfschulen oder die erste moderne Berufsschule einsetzen. Moislinger und Buntekuher, das waren häufig Zugewanderte. In diesen Dörfern siedelten wiederholt Menschen, die aus ethnischen, religiösen oder sonstigen Gründen in der Hansestadt Lübeck nicht leben und arbeiten durften. So wie die Juden oder die Handwerker ohne Zunft. Später prägten Tagelöhner das „Rote Moisling“. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden viele Vertriebene in den Stadtteilen Zuflucht.

Ein spannendes Dauerthema bilden die recht komplexen und schwierigen Beziehungen von Moisling und Buntekuh mit der Hansestadt. „Das ist wirklich eine merkwürdige Konstellation, die noch nicht gründlich erfasst ist“, sagt der Direktor des städtischen Archivs Jan Lokers. Er lobt das Buch als „ein Stück Heimatgeschichte im besten Sinne. Es ist kritisch, es malt die Vergangenheit nicht rosarot, und stärkt die Stadtteilidentität.“ »Maria Seier: „Moisling und Buntekuh – Chronik“, Schmidt-Römhild, 214 Seiten, 12,80 Euro.

SDF

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