Brexit: Was erwartet den Norden?

Außenhandelsvolumen beträgt zwei Milliarden Euro – Dräger spricht mit britischen Kollegen.

Was bedeutet das Votum der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union für Schleswig-Holstein? Werner Koopmann beruhigt: „Zunächst einmal ändert sich nichts. Es gibt bestehende Verträge, die eingehalten werden müssen“, so der Leiter des Geschäftsbereichs International der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Kiel.

Auf jährlich rund zwei Milliarden Euro beläuft sich das Außenhandelsvolumen zwischen Schleswig-Holstein und Großbritannien, das sind rund fünf Prozent der Exporte des nördlichsten Bundeslandes. Alle Wirtschaftszweige sind beteiligt, eine größere Rolle spielen Chemie, Pharmazie sowie Nahrungs- und Futtermittel.

Laut einer repräsentativen Umfrage des norddeutschen Arbeitgeberverbandes der Metall- und Elektroindustrie Nordmetall gehen 63 Prozent der Mitgliedsunternehmen davon aus, dass ihre eigenen Geschäfte durch den Brexit mindestens teilweise in Mitleidenschaft gezogen werden.

Experten und Politiker fordern, dass sich die EU bei den anstehenden Austrittsverhandlungen keine Blöße geben darf, um einen möglichen Dominoeffekt zu vermeiden. „Andererseits wollen wir aber auch nicht ernsthaft an ein Szenario mit Zöllen, Schlagbäumen und Arbeitserlaubnissen denken“, so Werner Koopmann. Bis die Beziehung zwischen EU und Großbritannien auf eine neue Basis gestellt ist, wird es noch Jahre dauern.

Der Kreisvorsitzende Thomas Rother und der europapolitische Sprecher der SPD Lübeck, Enrico Kreft, sehen durch den Brexit die Chance, „diese EU besser zu machen und sozialer zu gestalten“. Europa müsse wieder ein Projekt für die Bürger werden.

Auch Dr. Nico Fickinger, Hauptgeschäftsführer des norddeutschen Arbeitgeberverbandes der Metall- und Elektroindustrie Nordmetall, will das Votum der Briten nicht als Betriebsunfall werten. „Der bedauerliche Austritt muss Anstoß sein für einen Reformprozess, der mehr Marktwirtschaft, Subsidiarität und Wettbewerb zum Ziel hat.“

Tatsächlich jedoch sind die unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen des Brexit derzeit nicht vorhersehbar. „Viel wird vom Verhalten der Wirtschaftsakteure vor Ort abhängen“, erwartet der IHK-Experte Werner Koopmann. Bei Dräger befasst man sich schon länger mit dem Brexit-Szenario. Das Unternehmen hat seit über 50 Jahren eine Tochtergesellschaft in Großbritannien. „Derzeit prüfen wir gemeinsam mit den britischen Kollegen, wie sich der Austritt auf unser Geschäft auswirken könnte“, sagte der Chief Financial Officer Europe, Andreas Kendzerski. Die börsennotierte Drägerwerk AG entwickelt, produziert und vertreibt Geräte und Systeme in den Bereichen Medizin-, Sicherheits- und Tauchtechnik. afu

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