Lübecks berühmte Flüchtlingsfamilie

Literaten ohne Heimat: Mit einer Sonderausstellung lässt das Buddenbrookhaus die Flucht und das Exil der Familie Mann nachempfinden. Sie wurde von Anna-Lena Markus vorbereitet. (SDF)

Die Ausstellung „Fremde Heimat“ im Buddenbrookhaus zeichnet das Exil der Manns nach.

Am 21. Februar 1939 trug Heinrich Mann ein einziges Wort in seinem Kalender ein: „abgereist“. Hinter dieser dürren Zeile ballt sich eine dramatische Geschichte: die Flucht der Literatenfamilien Mann vor den Nationalsozialisten. Ihre Odyssee erzählt die Sonderausstellung „Fremde Heimat“ im Buddenbrookhaus anhand von Briefen, Tagebüchern, Zeitungsausschnitten, Dokumenten und natürlich den Werken der berühmten Schriftsteller.

Ihnen war ihre exponierte Lage schon Anfang der 1930er Jahren bewusst. „Der Nazismus hat unserem Haus den Krieg erklärt“, fassten sie die öffentliche Stimmung gegen sie zusammen. Thomas Mann schaffte es, rechtzeitig tschechischer Bürger zu werden und zuerst in die Schweiz, dann in die USA zu fliehen.

Seinen Kindern gelang die Flucht nur mühsam. „Klaus und Erika Mann lebten lange ohne festen Wohnsitz und waren auf die Hilfe von Unterstützern angewiesen“, berichtet die Kuratorin der Ausstellung, Anna-Lena Markus. Das Fluchtschiff von Monika Mann wurde mit Torpedos versenkt, ihr Ehemann starb. Golo und Thomas’ älterer Bruder Heinrich mussten einem Menschenschlepper vertrauen, um sich vom besetzten Frankreich über die Pyrenäen zu retten. Die Manns erlebten die Ängste, Sorgen, Entbehrungen und Enttäuschungen aller Flüchtlinge, hebt die Leiterin des Buddenbrookhaus, Birte Lipinski, hervor: „Das war nicht von Anfang an so geplant, aber das Thema der fremden Heimat und der Heimat in der Fremde ist gerade hochaktuell“, sagt sie und hofft: „Der Blick in die Vergangenheit hilft beim Verständnis der gegenwärtigen Flüchtlingsproblematik.“

Ideen dazu brachten auch zwölf Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule St. Jürgen ein. Im Rahmen des Projekts „Literatur als Ereignis“ gestalteten die Zehntklässler vier der insgesamt acht Ausstellungsstationen. Die letzte zeigt Deutschland als materielle und seelische Trümmerlandschaft, über den Ruinen schwebt der halluzinierende Geist von Doktor Faustus. In den USA fand Thomas Manns Familie am Ende keine neue Heimat, zurück in die alte wollte sie nicht. In ihrem gemeinsamen Grab in Kilchberg bei Zürich liegt kein einziger deutscher Staatsbürger. SDF

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