Der vergessene Grass

„Ein neuer Blick auf Grass‘ Anfänge“: Kuratorin Viktoria Krason mit dem Begleitheft zur Ausstellung „Don’t fence me in“. (Fotos: Sdf)

Neue Ausstellung mit frühen Zeichnungen und Gemälden ist im Günter Grass-Haus zu sehen.

Vergesslich war er schon, der Literaturnobelpreisträger Günter Grass (1927-2015). Selbst das Manuskript seines berühmtesten Romans, der „Blechtrommel“, hatte er in Paris verlegt und erst viele Jahre später wieder erhalten. Nun stellt sich heraus, dass diese Schusseligkeit durchaus kein Einzelfall war. Bereits als junger Schüler der Düsseldorfer Kunstakademie (1948-1953) verbummelte er ein größeres Konvolut mit sehr frühen Bildern. Wiedergefunden wurde es erst 2013 unter einer Außentreppe seiner damaligen Studentenbude. „Das soll von mir sein?“, staunte Günter Grass, als er die 60 Jahre alten Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafiken wieder erblickte. Staunen können nun auch die Besucher des Günter Grass-Hauses.

Denn diese frühen malerischen Werke sind jetzt in der Ausstellung „Don’t fence me in“ bis Oktober zu sehen. Wie das Schicksal es so wollte: Die letzte Ausstellung, die der bildende Künstler und Schriftsteller noch vor seinem Tod vor fast einem Jahr mitvorbereiten konnte, widmet sich den allerersten Zeugnissen seines Talents. „Günter Grass hat die rund 150 Exponate selbst ausgesucht“, sagt Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa. Sie sei für das Grass-Haus besonders wichtig, betont er, weil sie „einen neuen Blick auf den Künstler Günter Grass ermöglicht“.

Einiges, was in der „Blechtrommel“ oder in „Beim Häuten der Zwiebel“ beschrieben ist, kann man nun bildlich sehen. Grass‘ ersten Akademieübungen zeugen noch von einer gewissen Unsicherheit. Die eindringlichen Porträts seiner Mitbewohner in einem Caritas-Heim lassen aber bereits sein intensives Interesse für Menschen spüren. Dann explodieren Formen und Farben. Grass holt nach, was während des Nationalsozialismus verboten war, und experimentiert mit vielen verschiedenen Kunststilen, erklärt Ausstellungskuratorin Viktoria Krason: „Für Grass war es eine Zeit der Suche nach sich selbst.“

Er karikiert menschliche Figuren so wie George Grosz, splittert Gesichter wie in kubistischen Gemälden auf, lässt sich von den Expressionisten inspirieren, ahmt Matisse nach und nähert sich vorsichtig der Abstraktion.

Der Kunststudent, leidenschaftlicher Tänzer und Jazzkellermusiker genoss die plötzlich „geschenkte Freiheit“. Der damalige Hit „Don‘t fence me in“ (Sperre mich nicht ein), ein Cowboy-Song von Roy Rogers, lieferte ihm den Soundtrack dazu und dient nun als Ausstellungstitel. „Später hat sich Grass kritisch über die Stimmung jener Zeit geäußert“, berichtet Krason, „als man nur nach vorne geschaut hat und nicht zurückblicken wollte.“

Insofern trägt die Ausstellung auch dazu bei, über ein wichtiges Stück deutscher Geschichte nachzudenken. SDF

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