Fluchtgeschichten im Museum

Millionen Menschen verloren zum Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat und fanden eine neue. Der Travemünder Heimatverein hat die Travemünder Bürger gebeten, ihre Fluchterlebnisse aufzuschreiben. Die meisten waren damals noch Kinder, können sich aber gut erinnern. Bereits am Eröffnungstag nach der Winterpause schauten viele Zeitzeugen im Seebadmuseum vorbei.

Etwa Horst Eichner (75), der nach dem Hamburger Feuersturm im Juli 1943 zu Verwandten ins Sudetenland geschickt wurde. Da erlebte er eine glückliche Zeit — bis Soldaten ihn und seine Pflegeeltern mit vorgehaltener Waffe aus dem Haus trieben. „Ich war vier“, erzählt Horst Eichner. „Aber so etwas vergisst du nicht.“

Ebenfalls aus dem Sudetenland kommt Siegfried Austel (79), pensionierter Friseurmeister aus Travemünde und Vorsitzender des Heimatvereins. Man hätte nur mitnehmen dürfen, was man tragen konnte, erinnert er sich. Die Mutter band die Hosenbeine der Knickerbocker zu und füllte dem Achtjährigen Obst und Getreide hinein.

Aus Lübeck ist Helga Kirstein (78) ins Seebadmuseum gekommen, um sich mit Fischer Gerd Vollbrecht (85) zu treffen. „Unsere Großväter waren Brüder“, erzählt sie. Beide stammen aus Fischerfamilien in der Hafenstadt Stolpmünde. Helga Kirstein war sieben Jahre alt, als sie auf einem der Kutter im Hafen darauf wartete, dass die Flucht beginnen konnte. Es hätten acht bis zehn Windstärken geherrscht, erinnert sie sich. Doch die Ansage sei gewesen, die Kutter sollten den Hafen verlassen oder würden gesprengt. Also fuhren sie los. Zu ihrer alten Heimat hätte sie „überhaupt keinen Bezug mehr“, erzählt Helga Kirstein. Es seien die Kinder, die immer mal wieder hinwollten.

Von Fischer Gerd Vollbrecht (85) wird im Seebadmuseum der Original-Bollerwagen ausgestellt. Mit dem Wagen wurde zwischen den Etappen der Flucht abends die Habe vom Fischerboot in Sicherheit gebracht und am Morgen zurück an Bord. Gerd Vollbrecht war 13 Jahre alt, als er mit dem Fischkutter über die Ostsee floh.

Der Heimatverein sammelt in einer Mappe Zeitzeugenberichte und Bildmaterial von Travemündern. Die schriftlichen Erinnerungen können im Seebadmuseum in der Torstraße 1 abgegeben werden.

»Geöffnet ist täglich außer Montag von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene fünf Euro.

Horst Eichner (75, links) hat seine Fluchtgeschichte schon aufgeschrieben und Siegfried Austel (79) vom Seebadmuseum überreicht.

HN

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