Adler-Rufe aus der Konserve

„Wir haben da ja alle zugestimmt“, sagt Sabine Falter aus der Nordmeerstraße. „Aber dass es so laut wird, habe ich nicht geahnt.“ Anfang des Jahres hatte die Eigentümergemeinschaft beschlossen, etwas gegen die Möwen-Plage bei den mehrstöckigen Häusern zu tun.

Anwohnerin Sabine Falter hat selbst beobachtet, wie die großen Tiere regelrecht Angriffe auf einen Mann und seinen Hund flogen. Vermutlich wollten sie ihre Jungen beschützen. Betroffen seien auch die Penthouse-Wohnungen, weiß die Travemünderin. Da könne man nicht auf die Dachterrasse gehen und auch nichts rausstellen. „Die Möwen zerlegen alles.“ Die Hausverwaltung beauftragte eine Spezialfirma aus Bosau. Etwa 60 Euro kostet das die Bewohner in der Nordmeerstraße. Dafür wurden Lautsprecher auf den Dächern installiert, die laut Website der Firma „eigene Panikrufe“ der Möwen sowie Greifvogelschreie naturgetreu imitieren. Die Möwen sollen dadurch in Schwärmen in die Flucht getrieben werden.

Zunächst führte die Aktion allerdings zu einem Missverständnis: Im Umkreis der Wohnanlage wunderten sich die Menschen, dass sich da auf einmal ein Greifvogel so wohlfühlte. „Die sind auch rumgerannt und haben den Vogel gesucht“, erzählte Sabine Falter. Eine Frau soll sogar mit dem Fernglas die Gegend abgesucht haben.

Mit der Zeit sprach sich herum, dass die Raubvogelschreie aus der Konserve kommen. „Das fing morgens schon um sieben an“, erzählt Sabine Falter. Sie hat die Zeit gestoppt, alle drei bis vier Minuten ging es von vorne los. „Für Leute, die hier ihre Schlafzimmer haben, ist das eine ganz schöne Geräuschbelästigung.“ Sie hat schon einmal bei der Hausverwaltung angerufen und war wohl nicht die einzige. Seitdem hat sich die Taktung geändert, aber leiser sei es nicht geworden. So wirkt die Vergrämung nicht nur auf die Vögel, sondern auch auf die Menschen. Sabine Falter weiß, dass die Vogelschrei-Methode auch auf der Insel Sylt angewandt worden ist. Allerdings auf größeren Plätzen und nicht in Wohngebieten. Auf der Website der Firma steht dagegen, die Lautstärke lasse sich gut an die Umgebung anpassen und die Geräte seien auch in einer Wohnumgebung einsetzbar.

Vogelvergrämung ist in Travemünde immer wieder ein Thema. Bis vor kurzem versuchte die Bahn vergeblich, mit Netzen und Plastikspießen die Tauben am Brüten im Strandbahnhof zu hindern. Erfolgreicher soll es bei Wohnhäusern im Lofotenweg laufen, wo regelmäßig die Möwennester von den Dächern geräumt werden. Eine Spezialpaste sorgt dort zudem für einen Geruch, den die Möwen nicht mögen.

In der Nordmeerstraße versucht man es nun seit vier Wochen mit Vogelgeschrei. „Die Möwen sitzen nach wie vor auf den Dächern. Das hat nichts gebracht“, zieht Sabine Falter für sich ein Fazit. Von der Zeitdauer der Beschallung sei auf der Versammlung nichts gesagt worden. „Möwen versuchen ja bis in den Juli hinein neue Nester zu bauen“, weiß sie. Gut möglich also, dass die unsichtbaren Raubvögel noch einige Monate über der Nordmeerstraße kreisen HN

Vergrämung per Lautsprecher: Wie sieht die Rechtslage aus?
Auf Nachfrage des Wochenspiegels erklärt der Bereich Presse-und Öffentlichkeitsarbeit der Hansestadt Lübeck: „Ruhestörender Lärm, der durch eine Vergrämungsanlage auf dem Dach eines nicht öffentlichen Gebäudes verursacht wird, ist in erster Linie ein zivil- beziehunsweise nachbarschaftsrechtliches Problem. In der Geräte- und Maschinenlärmschutzverordnung (32.BImSchV) ist ein derartiges Gerät nicht gelistet, so dass es in diesem Fall für den Bereich Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutz (Immissionsschutz) keine behördlichen Eingriffsmöglichkeiten gibt. Es gibt aber für Betroffene beispielsweise die Möglichkeit gemäß § 117 („Unzulässiger Lärm“) des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten eine Anzeige bei der örtlichen Polizeidienststelle oder direkt bei der Umweltpolizei zu erstatten. Wenn der Verursacher bekannt und nicht einsichtig ist, dass die Vergrämungsanlage eine erhebliche Lärmbelästigung darstellt, können Betroffene auch eine Schiedsperson des Amtsgerichts ,zur Vermittlung‘ einschalten.“

„Ich hab nicht geahnt, dass das so laut ist“, sagt Anwohnerin Sabine Falter. In der Nordmeerstraße sollen Möwen mit Raubvogel-Schreien verscheucht werden.

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