Erfolgreiche Forschung

Lübecker Historiker recherchierte das Schicksal Lübecker Homosexueller in der Nazizeit

Vor einem Jahr erhielt der Historiker Christian Rathmer den Auftrag, über Lübecker Homosexuelle zu forschen, die im Nationalsozialismus wegen ihrer Sexualität verfolgt wurde. Angestoßen hatte die Recherche unter anderem der CSD-Verein, denn außer Gerüchten gab es kaum belastbare Informationen über das Schicksal der Lübecker Schwulen zwischen 1933 und 1945. Das ist nun anders, denn der Historiker Rathmer kann erstaunliche Ergebnisse präsentieren.

„Ich habe viel mehr Informationen erhalten, als ich überhaupt bearbeiten kann“, sagt Christian Rathmer, der im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv recherchiert hat, aber auch in Hamburg und anderen Bundesländern. Die Forschung sei schwierig gewesen, so Rathmer, denn Gerichtsakten seien damals nach Namen geführt worden, nicht aber nach den Vergehen. Und: „Viele Homosexuelle Männer wurden wegen Beleidigung oder Erregung öffentlichen Ärgernisses verurteilt, nicht nach dem Paragraph 175.“

Besonders viele Informationen konnte Rathmer im Staatsarchiv Hamburg erhalten. Dort lagerten Akten von rund 70 verurteilten Homosexuellen, die einen Lübeck-Bezug hatten. Protokolle von stundenlangen Verhören hat Christian Rathmer gesichtet, Zeugenaussagen und medizinische Gutachten gelesen. Häufig sei das sehr unappetitlich gewesen, erzählt der Historiker. Nicht nur, weil die meisten schwulen Männer von Nachbarn oder Arbeitskollegen denunziert worden seien. Männer, die wiederholt erwischt wurden, kamen ins KZ, galten dort als „Berufsverbrecher“. Viele von ihnen wurden kastriert oder starben in den Lagern.
Dieses Schicksal blieb Fritz Schulz erspart. Der Lübecker führte in der Königstraße die Kneipe „El Dorado“, in der sich offenbar die homosexuelle Szene der Hansestadt traf. 1936 wurde Schulz wegen seiner Homosexualität verhaftet, verlor die Kneipe und sein Haus. „Später hat Schulz versucht, eine Entschädigung zu erhalten, wurde aber nur verhöhnt“, weiß Christian Rathmer. Der frühere Gastronom starb als gebrochener Mann – und markiert nur eines von vielen Lübecker Schicksalen, denen im Nationalsozialismus Unrecht geschah.

„Wir möchten die Ergebnisse der Forschungsarbeit gerne in Form einer Broschüre oder eines Buches einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen und darüber aufklären, dass Homosexuelle nicht nur in Berlin, München oder Köln Opfer von Verfolgung wurden. So soll den Menschen Name, Gesicht und Würde wiedergegeben werden“, ergänzt der Vorsitzende des Lübecker CSD-Vereins, Christian Till.

Seine Forschungen haben den Historiker Christian Radmer bewegt. „Ich habe bei meiner Arbeit festgestellt, wie alleine ich mit dieser Recherche bin.“ Denn schwule Männer, sagt Rathmer, seien bislang in den Forschungen eher vernachlässigt worden. „Der Fokus lag einfach nicht auf ihnen.“ Dank der Arbeit Christian Rathmers könnte sich das bald ändern. Denn aus bloßen Vermutungen sind nun konkrete Schicksale geworden.

 

Der Historiker Christian Rathmer. Foto: Kevin Hackert

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