Lübecks Wald ist zukunftsfähig

High Tech bestätigt Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit des naturnahen Stadtwald-Konzepts

Der Klimawandel ist da und der vielbesungene deutsche Wald wird als Patient gehandelt, denn Trockenheit, Stürme, Borkenkäfer und Monokulturen setzen ihm bundesweit zu. Eine Ausnahme ist der mehr als 4680 Hektar große Lübecker Stadtwald, 2018 ausgezeichnet vom Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) für nachhaltige Waldwirtschaft.

Das wohlüberlegte Heraushalten des Menschen erhalte den Baumbestand weitgehend gesund und ermögliche eine bessere Anpassung an die neuen Bedingungen. Das bestätigten nun auch erste Messungen mit Lasertechnik, berichteten Stadtwald-Bereichsleiter Knut Sturm und Dr. Torsten Welle, Forschungsleiter an der Naturwald Akademie. Das High-Tech-Gerät sei herkömmlichen Methoden durch das Aneinanderreihen von mehreren 3-D-Aufnahmen überlegen und liefere nicht nur mehr, sondern auch präzisere Daten.

Im Stadtwald überlässt man Schäden der Natur

Die Ergebnisse nimmt Umweltsenator Ludger Hinsen zum Anlass, den Appell an die Politik in Berlin und Kiel zu richten, nicht wie aktuell diskutiert, Millionen Euro in sinnlose Aufforstungsprogramme zu versenken: „Bitte macht es diesmal richtig“, und empfiehlt das Lübecker Konzept: „Man kann den Wald ja auch einfach mal in Ruhe lassen.“ Knut Sturm fügte an, dass mit den angekündigten Aufräumaktionen in den Wäldern bisherige Fehler nur wiederholt würden. Im Stadtwald überlässt man Schäden durch Stürme oder Überflutung einfach der Natur. Das Totholz wandle sich in Nährstoffe für die anderen Bäume um, erläutert Torsten Welle: „Der Wald renaturiert sich selbst.“ Dabei werde Kohlenstoff im Boden gebunden.

Welcher Baum den Klimaeinwirkungen trotzt und einmal das Bild unsere Wälder zukünftig bestimmen wird, ist noch ungewiss. Die Vielfalt heimischer Bäume im naturnahen Stadtwald sieht Knut Sturm als Absicherung: „Ein oder zwei der Baumarten, die hier stehen, werden überleben.“ Welche das sein werden, wüssten die Fachleute zwar noch nicht, aber: „ Mit mehreren heimischen Arten können wir das Risiko streuen.“ Somit ist eine Monokultur mit schnellwachsenden Nadelbäumen, wie sie in den Nachkriegsjahren großflächig wegen des Holzbedarfs angelegt worden waren, besonders gefährdet.

Eine mächtige Eiche könne zudem weit mehr Kohlenstoff speichern als eine Fichte oder Kiefer – zum Nutzen der Umwelt. In den Stämmen und Kronen speichert der naturnahe Wald doppelt so viel Kohlenstoff wie im deutschlandweiten Vergleich. Eine gezielte Aufforstung findet in Lübeck nicht statt. Der Wald lasse die Bäume so an Licht und Nährstoffe kommen, dass sich wieder ein Mix von heimische Arten durchsetze, so Sturm, der sich auch gegen den Einsatz von Harvester-Großmaschinen aussprach. Die Waldarbeiter, lobt er, seien wahre Künstler im achtsamen Umgang mit dem Stadtwald beim Baumfällen.

Der naturnahe Wald ist sogar wirtschaftlich

Obgleich es hier keine Kahlschläge gibt, ist der naturnahe Wald sogar wirtschaftlich. Nur vereinzelt werden ältere und sorgfältig ausgewählte Exemplare gefällt. Aus einer Eiche könnten dann schon mal 20 000 Euro in die Kasse des Stadtwaldes klingeln, eine Fichte bringt nur etwa 240 Euro. Sturm dazu: „Die zwanzig dicksten Stämme machen zehn Prozent des Umsatzes aus.“

90 Prozent des Holzes würden aufgrund der Qualität für langlebige Produkte verwendet – wiederum eine Kohlenstoffbindung. Umdenken scheint dazu auch beim Verbraucher gefragt. Hochwertiges Holz sei nachhaltiger, erklärte Thomas Wiesmann, Einkäufer in der Furnierholzbranche: „Je stärker der Stamm, desto besser das Schnittholz und umso mehr Festmeter.“ Mit dünnen Hölzern könnten keine Qualitätsprodukte hergestellt werden.

Totholz saugt Feuchtigkeit wie ein Schwamm auf, bei Verdunstung kühlt die Luft ab, der Wald senkt wie ein Wärmetauscher die Temperaturen in der Stadt. Das sei durch Langzeitmessungen mit Klimaloggern nachzuweisen, so Yvonne Bohr von der Naturwald Akademie. Sturm wies darauf hin, dass die Brandgefahr im naturnahen Wald zwar geringer sei als beispielsweise in Kieferbeständen, weil er dickere Baumrinden und viel Jungholz am Boden aufweise. MAT

Foto: Die Nachhaltigkeit des Lübecker Konzepts kann mit neuen Messdaten belegt werden (v. l.): Yvonne Bohr (Naturwald Akademie), Stadtwald-Bereichsleiter Knut Sturm, Thomas Wiesmann (Furnierholzhandel), Umweltsenator Ludger Hinsen und Dr. Torsten Welle (Naturwald Akademie). Foto: Margitta True

 

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